Chronologie 1989

Wie die DDR implodierte

Der 9. November 1989 stellt das Ende eines langen Niedergangs der DDR-Staatsführung dar. Die Vorzeichen waren unübersehbar.

Veröffentlicht: 08.11.2019, 10:37 Uhr

Vor 30 Jahren fiel die Berliner Mauer – Demonstrationen in der DDR und Massenausreisen in den Westen gingen voraus. Bereits ab Mitte 1989 waren Tausende DDR-Bürger über Ungarn illegal nach Österreich geflüchtet. Eine Chronologie:

19. Januar: DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker weist Forderungen nach einem Abriss der Mauer zurück: „Die Mauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt sind.“

7. Mai: Nach den Kommunalwahlen decken unabhängige Bürgergruppen Manipulation bei den Ergebnissen auf. Viele tragen ihren Protest auf die Straße. In Leipzig sind es am Wahlabend noch rund 50 Demonstranten. Ab Juni finden auch in Berlin regelmäßig Proteste statt. Sie sind Vorläufer zu den Massendemonstrationen im Herbst.

19. August: Beim sogenannten Paneuropäischen Picknick im ungarischen Sopronpuszta flüchten 600 DDR-Bürger spontan in den Westen. Die ungarisch-österreichische Grenze war damals aus Anlass einer geplanten Friedensdemonstration oppositioneller Aktivisten kurz geöffnet worden.

4. September: In Leipzig versammeln sich an einem Montag über 1000 Menschen vor der Nikolaikirche und fordern unter anderem Reisefreiheit. Daraus entstehen die Montagsdemonstrationen.

10. September: Ungarn kündigt an, seine Grenze nach Österreich für DDR-Bürger, die dort ausharren, zu öffnen. Bis Ende Oktober gelangen so etwa 50 000 Menschen in die Bundesrepublik.

30. September: Vom Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag überbringt Außenminister Hans-Dietrich Genscher Tausenden auf dem Gelände zusammengepferchten DDR-Bürgern die erlösende Nachricht: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ...“ Der Rest des Satzes geht im Jubel unter. Der Andrang auf die Botschaft reißt nicht ab. Mehrfach fahren Züge mit insgesamt wohl 17 000 Flüchtlingen von Prag über die DDR in die Bundesrepublik.

7. Oktober: Anlässlich des 40. Jahrestages der DDR-Gründung kommt es in mehreren Städten zu Protesten, die Sicherheitskräfte reagieren teilweise brutal.

9. Oktober: Bei der bislang größten Montagsdemonstration mit 70 000 Menschen in Leipzig setzt sich der Ruf „Wir sind das Volk – keine Gewalt“ durch.

18. Oktober: Staats- und Parteichef Erich Honecker wird von seinen Ämtern entbunden. Sein Nachfolger wird Egon Krenz.

3./4. November: Erneut sind rund 5000 Menschen in die Prager Botschaft geflüchtet. Wohl auf Druck der Tschechoslowakei gestattet die Ost-Berliner Führung ihren Bürgern die direkte Ausreise aus dem Land in den Westen. Innerhalb von vier Tagen flüchten auf diesem Weg nach Berichten des Innenministeriums in Prag rund 62 500 Menschen in die Bundesrepublik.

4. November: Zwischen 500 000 und einer Million Menschen demonstrieren auf dem Berliner Alexanderplatz.

7. November: Die DDR-Regierung tritt zurück. Tags darauf wird das SED-Politbüro, das höchste Führungsgremium der Partei, umstrukturiert.

9. November: Politbüromitglied Günter Schabowski kündigt auf einer Pressekonferenz eher beiläufig an, die DDR werde ihren Bürgern Reisefreiheit gewähren. „Das tritt ... nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich“, sagt er auf die Nachfrage eines Journalisten. Bis in die Nacht strömen Tausende über die offenen Grenzen. (dpa)

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Kommentare
Dr. Schätzler

Von wegen: "Die Vorzeichen waren unübersehbar"

Dass die Vorzeichen des Niedergangs der DDR-Staatsführung unübersehbar waren, muss aus historisch-kritischen Gründen bestritten werden.

Im Westen hatte niemand auch nur ansatzweise die Grenzöffnungen und den Mauerfall auf dem Schirm. Der damalige Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl weilte während die Mauer fiel in Warschau und befand es nicht mal für nötig, sofort heimzureisen.

Im Osten rang Mikhail Gorbatschow die Hardliner nieder, welche die in der DDR bereitstehenden UDSSR-Divisionen zum militärischen Eingreifen zwingen wollten. Allen voran einer der Gorbatschow-Berater Valentin Falin, russischer Ex-Botschafter in der BRD, der mit Waffengewalt die protestierende DDR-Bevölkerung in die Knie zwingen wollte.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


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