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Porträt

Wie ein Hausarzt mit seinem„Medmobil“ Obdachlose versorgt

Hausarzt Odo Weyerer fährt immer mittwochs mit einem umgebauten Krankenwagen Hotspots im Raum Freising ab, um Menschen ohne Krankenversicherung zu versorgen. Dadurch hat er seine Freude am Beruf wiedererlangt.

Michaela SchneiderVon Michaela Schneider Veröffentlicht:
Das Medmobil von Odo Weyerer sieht ähnlich aus wie ein kleiner Krankenwagen.

Seit fünf Jahren fährt das Medmobil inzwischen jeden Mittwoch fünf Stunden lang auf einer festen Route Hotspots im Raum Freising ab.

© Kasper Communications GmbH

„Durch das Medmobil ist meine Freude am Arztberuf zurückgekehrt“, sagt Allgemeinmediziner Dr. Odo Weyerer. Mit seinem zu einer rollenden Arztpraxis ausgebautem Krankenwagen versorgt er ehrenamtlich Wohnungslose im Landkreis Freising medizinisch und vor Ort.

Laut Statistischem Bundesamt waren im Jahr 2023 rund 72.000 Menschen ohne Krankenversicherungsschutz. Die Dunkelziffer dürfte höher sein. Zwar besteht eine gesetzliche Versicherungspflicht, gerade auch Obdachlose aber fallen nicht selten durchs Raster des bürokratischen Systems wegen fehlender Meldeadressen oder hoher Beitragsschulden.

Seit fünf Jahren fährt das Medmobil inzwischen jeden Mittwoch fünf Stunden lang auf einer festen Route Hotspots im Raum Freising ab: den Bahnhof, das Obdachlosenheim, die Tankstelle, den Steinpark, einen Treff für Drogensüchtige. Selbst aus Passau reist inzwischen mancher Patient an, um sich behandeln zu lassen.

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Ein befreundeter Urologe springt ein, wenn Dr. Odo Weyerer einmal ausfällt. Seit kurzem übernimmt jede zweite Woche ein Weiterbildungsassistent. „Durch die Regelmäßigkeit wissen die Menschen, wo sie mich finden, dadurch kann ich bei Bedarf unterstützen“, sagt der Freisinger Hausarzt. In seiner Gemeinschaftspraxis „Dr. Weyerer und Miedl“ ist der 68-Jährige nur noch drei Tage pro Woche zu finden. Die übrige Zeit kümmert er sich ehrenamtlich ums Medmobil.

„Das war mein schönstes Weihnachtsgeschenk“

Allein in der Wärmestube nehmen häufig fünf bis 15 Bedürftige die medizinische Hilfe in Anspruch und wenden sich mal nur mit Kopfschmerzen an Weyerer, mal mit der Bitte, eine Wunde zu reinigen. Und manche Begegnung berührt den Hausarzt dabei ganz besonders.

Rund zwei Jahre sei es her, dass er kurz vor Weihnachten bei Minusgraden und Regen am Bahnhof einen Mann liegen sah – ein wilder Typ mit Sonnenbrille, der jedoch drei Wochen lang jede Hilfe ablehnte. Als er schließlich doch in die Wärmestube kam und sich von Weyerer untersuchen ließ, kam nicht nur heraus, dass die Beine seit zehn Tagen aufgequollen waren, sondern er zudem von Drogendealern vollständig ausgeraubt worden war.

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Der Hausarzt organisierte eine Übernachtungsmöglichkeit. Als sich die Beiden am nächsten Morgen erneut trafen, stand Weyerer vor einem netten, zufriedenen Mann, der zehn Jahre jünger aussah. Er sagt: „Das war mein schönstes Weihnachtsgeschenk.“.

Dr. Odo Weyerer in seiner rollenden Arztpraxis

Weil er vom Glück zurückgeben will, das er selbst im Leben erfahren hat, bietet Dr. Odo Weyerer in seiner rollenden Arztpraxis obdachlosen und bedürftigen Menschen medizinische Hilfe an.

© Kasper Communications GmbH

Das, was das Arztsein eigentlich ausmacht

Viel deutlicher noch als in der Praxis habe er in solchen Momenten vor Augen, worum es als Arzt eigentlich gehe: Simple Hilfe zu leisten, damit es einem Menschen anschließend deutlich besser geht.

Viele Bedürftige kennt der Freisinger schon eine Weile – so jenen Mann am Bahnhof, der zwar krankenversichert ist, jedoch hin und wieder Allopurinol braucht, sich die Zuzahlung jedoch nicht leisten kann. Die einen Patienten plagt Heuschnupfen, andere bitten um Ibuprofen gegen Schmerzen.

Im vorigen Winter gelang es Weyerer gemeinsam mit den Johannitern, einen Großteil der Obdachlosen mit Sheltersuits zu versorgen – wind- und wasserdichten Jacken mit optionaler Schlafsackbefestigung, die sofortigen Schutz in Kälteperioden bieten.

Auch ist das Medmobil-Netzwerk inzwischen so funktionstüchtig, dass sich Sozialarbeiter aktiv melden, wenn Patienten akut Hilfe brauchen. So erzählt Weyerer von einer schwangeren Frau aus Syrien, die massive Schläge in den Unterbauch erlitten hatte. Er veranlasste einen Notkaiserschnitt, ein Kindstod konnte verhindert werden. Weil auch der Säugling zunächst nicht krankenversichert war, kümmerte sich Weyerer anschließend auch um ihn. „Inzwischen haben wir es in Zusammenarbeit mit den Sozialarbeitern geschafft, dass Mutter und Kind krankenversichert sind“, ist der Mediziner zufrieden.

Ein Projekt wie das Medmobil ist in Planung? Diese fünf Tipps gibt Dr. Odo Weyerer

  • Um Bedürftige zu erreichen, muss man ihre Hotspots kennen. Odo Weyerer nahm zu Beginn einen Obdachlosen im Medmobil mit und ließ sich diese zeigen.
  • Er rät auch zu einem festen Terminplan und Regelmäßigkeit. Nur dann kann Hilfe wirklich in Anspruch nehmen, wer diese braucht.
  • Nachdenken sollte man über die Gründung eines Vereins, um Spendengelder akquirieren zu können. Alternativ kann man zunächst auch an eine andere gemeinnützige Einrichtung „andocken“.
  • Breit helfen könne er vor allem auch deshalb, weil er sich ein breites Unterstützernetzwerk aufgebaut habe, sagt Weyerer. Das beginnt bei Hilfsorganisationen sowie Spendern und reicht über Behörden und Sozialarbeiter bis hin zu Fachärzten.
  • „Einzelkämpfer“ werden früher oder später an ihre Grenzen geraten, es braucht ein Team. Neben den Medmobil-Einsätzen müssen zum Beispiel das Fahrzeug gereinigt, Medikamente besorgt, das Netzwerk gepflegt oder der Webauftritt betreut werden.

Dr. Weyerer ist Hausarzt aus tiefer Überzeugung. Trotz seiner frühen Forschungserfolge – er war weltweit der erste, dem das Züchten menschlicher Endothel-Zellen gelang – lehnte er seinerzeit auch aus familiären Gründen ein Angebot ab, nach Amerika zu gehen. Er hatte im Schnelldurchlauf studiert, wollte für seine Kinder da sein und ließ sich noch kurz vor dem Niederlassungsstopp 1991 mit einer Einzelpraxis als Hausarzt nieder. 13 Jahre später erweiterte er diese zur Gemeinschaftspraxis.

„Es gibt einen Grund, dass ich noch da bin“

Weyerers weitere Geschichte lässt an schicksalhafte Ereignisse im Leben glauben. Eine Patientin mit Lungenkarzinom, die im Deutschen Entwicklungsdienst gearbeitet hatte, inspirierte ihn, sich für einen freiwilligen Auslandseinsatz anzumelden. 2008 wurde er angefragt, ob er sich einen einmonatigen Einsatz in Nepal vorstellen könne. Er sagte zu.

An einem freien Nachmittag plante er einen Flug zum Mount Everest – und buchte aus einem Impuls heraus um. Die Maschine, in der er eigentlich gesessen hätte, stürzte ab, zwölf Menschen starben. „Damals sagte ich: Es gibt einen Grund, dass ich noch da bin. Ich will vom Glück zurückgeben, das ich in meinem Leben habe.“

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Schon seine Mutter hatte sich vor Jahrzehnten um Obdachlose in der Wärmestube gekümmert. Und auch die Patientin, die ihn zum Auslandseinsatz ermutigt hatte, engagierte sich dort. So kam es, dass Weyerer ab 2016 zweimal im Monat Patienten in der Wärmestube behandelte.

Als dann bei seiner Patientin mit Lungenkarzinom Hirnmetatastasen diagnostiziert wurden und er sie palliativ begleiten musste, sprachen die beiden viel – so auch darüber, dass die Wärmestube zwar ein toller Ort sei – jedoch manchen schweren Fall nicht erreiche. Es bräuchte einen mobilen Krankendienst, der die Hotspots im Freisinger Landkreis abfährt. Ehe die Patientin starb, versprach Odo Weyerer, das Projekt anzugehen.

Wichtig ist das Netzwerk dahinter

Während Corona arbeitete er im Impfzentrum mit – und begann, wenn Impfstoff zu verfallen drohte, Obdachlose zu impfen. Dann ging alles Schlag auf Schlag: Der „Aicher Ambulanz & Mobility Service“ - ein Unternehmen, das sonst unter anderem Kranken- und Intensivtransporte am Flughafen München anbietet - finanzierte einen Krankentransportwagen im Wert von rund 40.000 Euro – und das Medmobil nahm seine Fahrt auf.

Die Ausstattung und laufende Kosten werden über Spenden von Privatpersonen oder etwa auch des Rotary Clubs gedeckt. Sachspenden kommen hinzu, wenn etwa Patienten versterben und Angehörige deren Medikamente abgeben.

Odo Weyerer kann auf ein Netzwerk aus Behörden, Sozialarbeitern, Psychologen und Schuldnerberatung bauen. In der Obdachlosenunterkunft hat man ihm inzwischen ein kleines Behandlungszimmer eingerichtet, das sich im Winter beheizen lässt. Und auch Kollegen aus der Fachärzteschaft helfen, wenn es etwa einen Chirurgen oder Neurologen braucht. Aktuell ist Weyerer dabei, das Medmobil als eignen e.V. eintragen zu lassen.

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„Es geht um den sozialen Kontakt“

Verändert hat sich durch die Medmobil-Begegnungen auch Weyerers Umgang mit manchem Patienten in der Praxis. Manch einer komme jede Woche, obwohl er keine akut behandlungsbedürftige Krankheit habe.

Der Freisinger sagt: „Es geht um den sozialen Kontakt und darum, nicht allein zuhause zu sitzen. Mein Verständnis für die sprechende Medizin ist noch einmal größer geworden – ob diese nun honoriert wird oder nicht.“

Mehr zum Medmobil inklusive Spendenmöglichkeiten unter: www.das-medmobil.de

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