Ursachen für Lieferengpässe

AOK und Pharmaverband liegen über Kreuz

Sind Rabattverträge mitverantwortlich für Arzneimittel-Lieferengpässe? AOK und Industrie finden in dieser Frage keinen Konsens.

Von Thomas Hommel Veröffentlicht: 05.12.2019, 13:06 Uhr
AOK und Pharmaverband liegen über Kreuz

Für AOK-Chef Martin Litsch sieht „Desinformationskampagnen“, die den „Erfolg unserer Rabattverträge“ zu torpedieren versuchen.

© Britta Pedersen / dpa

Berlin. Die AOK hat Behauptungen zurückgewiesen, Rabattverträge seien schuld an Lieferengpässen. Die Verträge leisteten vielmehr einen „Beitrag zur Versorgungssicherheit“, sagte der Chef des AOK-Bundesverbandes Martin Litsch bei einem Pressegespräch am Donnerstag in Berlin. Unter den 9000 Arzneimitteln, für die es einen AOK-Rabattvertrag gebe, habe der Anteil der lieferbaren Präparate zuletzt 99,7 Prozent betragen, so Litsch mit Verweis auf Analysen des Wissenschaftlichen Instituts der Kasse (WIdO). Er sprach von „Desinformationskampagnen“, die Pharmaindustrie und Apothekerschaft lancierten, um den „Erfolg unserer Rabattverträge“ zu torpedieren. „Sowohl wirtschaftlich als auch für die Versorgung der Patieten.“

Der Pharmaverband BPI widersprach umgehend und bezeichnete die Rabattverträge als „zentrales Problem“ in der Arzneimittelversorgung. Das sei „breiter Konsens“, so Hauptgeschäftsführer Dr. Kai Joachimsen. Besonders exklusive Rabattverträge, bei denen jeweils nur ein Anbieter zum Zuge kommt, seien kritisch zu sehen. „Bei Exklusivität und Ausfall des einen Herstellers gibt es dann nämlich oft gar keinen Ersatz.“ Exklusivverträge dürfte es deshalb „überhaupt nicht mehr geben“.

Der Vorstandsvorsitzende der AOK Baden-Württemberg und Chef-Verhandler der AOK-Rabattverträge Dr. Christopher Hermann hielt dem entgegen, „nicht Liefersicherheit, sondern Profitstreben“ veranlassten Pharmafirmen, Exklusivverträge infrage zustellen. „Was soll sich aber verbessern, wenn drei Unternehmen den Zuschlag erhalten, deren Produkte alle aus derselben Fabrik kommen?“ Lohnherstellung, also Fertigung im Auftrag eines anderen Unternehmens, sei bei europäischen Generika-Anbietern „die Regel“. Unter 193 in Europa tätigen Herstellern fänden sich nur elf meist kleinere, „die tatsächlich für sich selbst produzieren“.

Deutschland erlebe „einmal mehr eine aufgebauschte Kampagne und inszenierte Situation bei sehr hoher Lieferfähigkeit“, so Hermann. Von „großen Defekten“ könne überhaupt keine Rede sein.

Um die Arzneimittelversorgung zu sichern, brauche es Transparenz in der Lieferkette und verpflichtende Engpass-Meldungen, fügte AOK-Chef Litsch hinzu. Hersteller, Großhandel und Apotheken seien hier gleichermaßen in der Pflicht. Es sei erfreulich, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn entsprechende Pläne mit dem Faire-Kassenwahl-Gesetz vorantreibe und den Rabattverträgen die „Treue“ halte. Spahn hatte kürzlich erklärt, Rabattverträge stünden für ihn „generell“ nicht infrage. Sie trügen dazu bei, hohe Preise „herunterzuholen“. Laut WIdO beliefen sich die Einsparungen durch Rabattverträge seit 2010 GKV-weit auf über 27 Milliarden Euro.

Mehr zum Thema

Ärztekammerpräsident Henke

Apotheker für Impfung nicht ausreichend qualifiziert

Han Steutel im Interview

vfa-Präsident: „GBA ist langsamer als andere in Europa“

Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
Ansturm auf CV-NCOV-001-Impfstudie in Tübingen

Corona-mRNA-Impfstoff

Ansturm auf CV-NCOV-001-Impfstudie in Tübingen

Vergütung für Corona-Tests wird weiter verhandelt

KBV nimmt Klage zurück

Vergütung für Corona-Tests wird weiter verhandelt

Diese Website verwendet Cookies. Weitere Informationen zu Cookies und und insbesondere dazu, wie Sie deren Verwendung widersprechen können, finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen.  Verstanden