„Veränderung ermöglichen“

AOK und Kliniken fordern: Die Sektorengrenzen müssen weg

Der AOK-Bundesverband und drei Klinikverbünde fordern von der Politik eine Revolution der Gesundheitsversorgung. Der Virchowbund hat umgehend protestiert.

Von Anno Fricke Veröffentlicht:

Berlin. Schlechte Abstimmung, Informationsbrüche und Qualitätsrisiken auf der einen Seite, höhere Kosten als vergleichbare Länder auf der anderen: Auf diesen Nenner bringen Krankenhausträger und der AOK-Bundesverband die aktuelle Situation der ambulanten und stationären Versorgung.

In einem gemeinsamen Papier mit dem Titel „Veränderung ermöglichen“ fordern nun die AOK sowie die nach eigener Aussage „progressiven Krankenhausträger“ Helios Kliniken, Diakoneo und Bezirkskliniken Mittelfranken die Auflösung der Sektorengrenzen und die Schließung „versorgungsstrukturell“ nicht notwendiger Einrichtungen oder deren Ausschluss von der Versorgung. Zudem sollen die Vergütungssysteme in Richtung Regionalbudgets und Pay for Performance umgekrempelt werden.

Krankenhaus- und Bedarfsplanung sollten zusammengeführt werden

Krankenhausplanung und die Verteilung der Arztsitze sollen, den Autoren zufolge zusammengeführt werden. Vertragsärztinnen und -ärzte sollen die ambulante Versorgung gemeinsam mit Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und weiteren Leistungserbringern auf der Basis „konkreter Versorgungsaufträge“ erbringen, heißt es eingangs des Papiers, das von AOK-Bundesverbands-Chef Martin Litsch, Helios-Chef Dr. Francesco De Meo sowie Dr. Mathias Hartmann, Vorstandsvorsitzender von Diakoneo in Neuendettelsau bei Nürnberg und Dr. Matthias Keilen, Vorstand Bezirkskliniken Mittelfranken, gezeichnet ist.

Diese Versorgungsverträge sollen regelmäßig und für vorab definierte Zeiträume neu ausgeschrieben werden. Grundlage sollen die Morbidität und die Einwohnerzahl einer Region sein. Den bundeseinheitlichen Ordnungsrahmen dafür soll der Gemeinsame Bundesausschuss spannen.

Auf der regionalen Ebene sollen neu einzurichtende sektorenübergreifende Gremien aus niedergelassenen Ärzten, Krankenkassenverbänden und Vertretern der Krankenhäuser sowie ein unparteiischer Vorsitz die Planung übernehmen.

Die Vergütung für medizinische und pflegerische Leistungen soll dementsprechend neu aufgesetzt werden und zum Beispiel auch ambulante Übernachtungsmöglichkeiten mit berücksichtigen.

Kassen sollten Case-Management übernehmen dürfen

Aus nicht mehr benötigten Krankenhäusern sollen demnach ambulante Gesundheitszentren entstehen, in denen interprofessionelle Zusammenarbeit und Digitalisierung die Steuerung von patientenorientierten Behandlungsprozessen ermöglichen soll. Das Case-Management sollen auch die Krankenkassen übernehmen können, der Kontrahierungszwang soll zugunsten lokaler selektivvertraglicher Modelle entfallen.

Die Autoren fordern eine weitere Zentralisierung stationärer Leistungen durch Mindestmengen und Qualitätsvorgaben sowie deren Evaluierung auf Basis von Ergebnisqualität. Die wiederum solle Treiber im Qualitätswettbewerb werden und in Ausschreibungsverfahren Vorrang vor Strukturqualitätsparametern haben.

Virchowbund geht auf die Barrikaden

Beim Verband der niedergelassenen Ärzte kamen die Forderungen nicht gut an. Virchowbund-Chef Dr. Dirk Heinrich bezeichnete die Vorschläge am Dienstag als „zerstörerisch“ für die Versorgung von Kassenpatienten. „Die Visionen des scheidenden AOK-Chefs Martin Litsch für ein kleinteiliges, regional ausgeschriebenes Gesundheitswesen sind gleichermaßen durchsichtig wie fatal“, analysierte Heinrich das Papier.

„Anstatt zu realisieren, dass das bestehende ambulante System aus niedergelassenen Haus- und Fachärzten der große Versorgungsvorteil in Deutschland ist, will der baldige Ex-AOK-Chef im Schulterschluss mit Helios dieses System ohne Not zerstören“, wetterte Heinrich. Eine sektorenübergreifende Versorgung sei gleichwohl notwendig, aber auf der Grundlage der bestehenden Strukturen.

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