Kommentar
Abschaffung der Telefon-AU: Konsequent in der evidenzfreien Zone unterwegs
Die Union simuliert die „Wirtschaftswende“ in der Koalition und hat sich dafür ausgerechnet die Telefon-AU ausgesucht. Das ist pure Symbolpolitik – und ein Programm zum Bürokratieaufbau obendrein.
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Die Koalition fasst die Spielregeln für Krankmeldungen neu. Gesundheitspolitische Belange fallen dabei unter den Tisch.
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Die Bundesregierung begibt sich mit ihren jüngsten Beschlüssen zu Krankmeldungen und zur Abschaffung der Telefon-AU auf einen gefährlichen Irrweg: Ein wirtschaftspolitisch geprägtes Narrativ – der angeblich zu hohe Krankenstand in Deutschland – wird zur Richtschnur der Politik erklärt. Dagegen finden diejenigen, die die Versorgungsrealität im Gesundheitswesen kennen, kein Gehör.
Insbesondere mit der Entscheidung, Krankmeldungen via Telefon einzukassieren, begibt sich die Koalition in eine evidenzfreie Zone. Bundeskanzler Friedrich Merz fabuliert frei, wenn er behauptet, seit der Corona-Pandemie seien die Krankenstände „exorbitant“ gestiegen. Hinzu kommt: Wenn man bedenkt, wie unterschiedlich Krankenstand im europäischen Ausland statistisch erfasst wird, der weiß um die Schwierigkeit internationaler Vergleiche an diesem Punkt.
Koalitionsbeschlüsse
„Harte Entscheidung“: Kanzler Merz verteidigt das Aus für die Telefon-AU
Die Zunahme der Fehlzeiten dürfte zu großen Teil ein statistisches Artefakt sein – Folge der Einführung der elektronischen AU-Bescheinigung. Vor allem der Union geht es bei dieser Entscheidung aber nicht um Evidenz. Im Bundestagswahlkampf hat sie eine „Wirtschaftswende“ versprochen, die sie gemeinsam mit ihrem Koalitionspartner SPD aber nicht umsetzen kann.
Also ist Symbolpolitik nötig – und die Telefon-AU ist dafür der ideale Kandidat. Sie gilt vielen in der Union als nicht mehr nötiges Zugeständnis aus längst vergangenen Pandemie-Zeiten. Wenn sich in dieser Form wirtschaftspolitische Programmatik von tatsächlichen Problemen im Gesundheitswesen abkoppelt, dann sind Verlierer garantiert: Praxispersonal beispielsweise muss sich künftig vermehrt mit AU-Bescheinigungen herumschlagen, anstatt seine Ressourcen vor allem den Patienten zu widmen, die tatsächlich Versorgung benötigen.
Die Beschlüsse der Koalition liegen zudem quer zum Ziel des Bürokratieabbaus. Umfangreich fällt das Selbstlob der Parteispitzen aus, wo Bürger überall bei Verwaltungsprozessen entlastet werden sollen. Und niemandem fällt auf, dass ausgerechnet im Gesundheitswesen ein Bürokratieaufbauprogramm geplant ist? Das Schweigen der Fachpolitiker in der SPD fällt an diesem Punkt dröhnend laut aus.










