Schleswig-Holstein

Ärzte ziehen an einem „Schmerz-Strang“

Die Ärztegenossenschaft Nord erhält für ihr Projekt „Schmerz-Strang Nordwest“ Fördermittel vom Land Schleswig-Holstein. Es geht neue Wege bei Behandlung und Finanzierung.

Von Dirk SchnackDirk Schnack Veröffentlicht:
Beim Projekt „Schmerz-Strang“ in Schleswig-Holstein können Schmerzmediziner ohne Zeitdruck gezielt auf die individuellen Probleme der Patienten eingehen.

Beim Projekt „Schmerz-Strang“ in Schleswig-Holstein können Schmerzmediziner ohne Zeitdruck gezielt auf die individuellen Probleme der Patienten eingehen.

© Arco Images / picture-alliance

BAD SEGEBERG. Chronische Schmerzpatienten kritisieren seit Jahren Versorgungslücken. Im Norden berichten Betroffene zum Teil von Wartezeiten von neun Monaten bei einem Schmerzspezialisten. Das Modellprojekt „Schmerz-Strang Nordwest“ könnte dies ändern, weil es ausgetretene Pfade verlässt. Das Projekt hat drei Besonderheiten:

  • Betreuung neben der klassischen Sprechstunde: Eines der Kernelemente des Projektes ist die Arbeit in Kleingruppen aus drei bis fünf Betroffenen, die von einem qualifizierten Schmerztherapeuten geleitet werden. Hier gehen die Schmerzmediziner ohne Zeitdruck gezielt auf die individuellen Probleme der Patienten ein und besprechen die nächsten Behandlungsschritte. Die Betreuung in diesen Gruppen geht weit über das hinaus, was in einer Sprechstunde zu leisten wäre. Weiterer Pluspunkt: Die Patienten finden sozialen Rückhalt und spüren, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind. Weitere Module des Projektes  sind interdisziplinäre Schmerzkonferenzen, telemedizinische Beratungen durch Schmerzärzte und die Möglichkeit, bei Bedarf Spezialisten etwa für Migräne oder Fibromyalgie hinzuziehen zu können.
  • Finanzierung aus Mitteln des Landes: Der kürzlich vom Land Schleswig-Holstein aufgelegte Versorgungssicherungsfonds für Projekte der medizinischen Grundversorgung hat den „Schmerz-Strang Nordwest“ als erstes förderfähiges Projekt ausgewählt und stellt hierfür über einen Zeitraum von drei Jahren 300.000 Euro bereit. Gesundheitsminister Dr. Heiner Garg (FDP) weiß zwar, wie begrenzt die Fördersumme angesichts des hohen Bedarfs in der Schmerztherapie ist – immerhin rund 78.000 Menschen mit chronischen Schmerzen gibt es in seinem Bundesland. Er hofft aber, dass das Projekt zur Abmilderung der aus seiner Sicht „völlig inakzeptablen Wartezeit“ dienen kann. Bei einem Erfolg des von der Ärztegenossenschaft Nord gemanagten Projektes hoffen die Beteiligten, dass die gesetzlichen Krankenkassen in die Finanzierung gehen und eine Ausdehnung des regional begrenzten Gebietes im Nordwesten Schleswig-Holsteins ermöglichen.
  • Die Honorierung: In der Schmerzmedizin engagierte Ärzte wie Dr. Jochen Leifeld aus Rendsburg, der sich zusammen mit Praxisnetzen, Ärztegenossenschaft und KV in der Vergangenheit erfolglos bei den Kostenträgern für eine bessere Finanzierung der ambulanten Schmerzmedizin eingesetzt hatte, macht die Förderung Mut. Für das Leiten einer Kleingruppe erhalten Schmerztherapeuten 350 Euro je Sitzung. Die Teilnahme an einer Schmerzkonferenz und das Vorstellen eines Patienten werden mit 75 Euro vergütet. Die EBM-Vergütung dagegen ist nach Ansicht Leifelds mit dafür verantwortlich, dass sich so wenige niedergelassene Ärzte der Schmerzmedizin widmen.  

„Nie zuvor hatte ich es mit einem vergleichbaren Projekt zu tun, einem, das so vielversprechend ist, so ideal in die Zeit passt, unnötige Fesseln löst, Performance steigert, Rationalisierungsreserven frei gibt“, sagte Leifeld. Seine Euphorie ist auch auf seine ersten Erfahrungen in der Kleingruppenarbeit zurückzuführen.

Er hat schon 20 solcher Gruppen geleitet und spürt, wie sehr die Patienten davon profitieren. Insgesamt sieben niedergelassene Schmerzmediziner aus der Region haben Interesse an einer Mitarbeit signalisiert.

Vernetzung geplant

Die Ärztegenossenschaft will dafür sorgen, dass das Projekt mit anderen Akteuren der Gesundheitsversorgung vernetzt wird. So wird es etwa eine Verknüpfung mit dem kommunal geführten Ärztezentrum in Büsum geben, aber auch mit den beiden Praxisnetzen der Region in Rendsburg und in Dithmarschen sowie mit Selbsthilfeorganisationen.

Eine für das Projekt eingestellte Case-Managerin koordiniert die Arbeit und ist auch Ansprechpartnerin für Ärzte, die Patienten für das Projekt vorschlagen möchten.

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