Debatte

Ärztinnen wollen über Priorisierung reden

Das Thema Priorisierung ist seit einiger Zeit aus der öffentlichen Diskussion verschwunden. Der Deutsche Ärztinnenbund will das nun ändern.

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NEU-ISENBURG. Der Deutsche Ärztinnenbund (DÄB) will die Debatte über Priorisierung in der Medizin neu beleben und vorantreiben. Zur Zeit wird eine Online-Umfrage unter den Mitgliedern zu diesem Thema ausgewertet. Wann die Auswertung veröffentlicht wird, steht aber noch nicht fest.

In einem Positionspapier des DÄB-Ethikausschusses fordern die Ärztinnen, dass sich "die Gesundheitspolitik dem Thema Priorisierung konsequent und in differenzierter Weise" zuwenden müsse. Dazu seien "Kommissionen einzuberufen, die sich mit den Bedingungen und der Erstellung von Priorisierungskriterien" befassen sollen.

Außerdem müssten nicht nur Stellungnahmen der Zentralen Ethikkommission der Bundesärztekammer und des Deutschen Ethikrates angemessen in der Priorisierungsdiskussion berücksichtigt werden, sondern auch die weibliche Perspektive.

Der Ethikausschuss des DÄB möchte auch erreichen, dass die Ärzteschaft nicht nur auf der fachspezifischen Ebene, sondern auch auf der normativen Ebene an der Diskussion teilnimmt. "Wichtig ist zum Beispiel, dass sich Ethiker an der Diskussion beteiligen", sagt die Vorsitzende des Ethikausschusses des DÄB, Dr. Gabriele du Bois.

Geklärt werden müssten Fragen wie: Was ist für wen erstrangig? Das sei wichtig, weil den Ärzten zunehmend eine verdeckte Rationierung zugemutet werde. Geachtet werden solle auch darauf, dass Ärzten auf jeden Fall "ein angemessener und notwendiger Umfang der therapeutischen Ermessensfreiheit" zugestanden werde.

Um die genannten Ziele zu erreichen, sollten die in medizinischen Berufen Tätigen in einen offenen Dialog mit politischen Entscheidungsträgern treten, heißt es in dem Papier weiter.

Das soll zunächst auf Ebene der Landesärztekammern geschehen, sagt du Bois und von dort aus weiter in die Öffentlichkeit getragen werden. "Es nützt nichts, wenn nur wir Ärzte uns Gedanken machen und dann keine gesellschaftliche Diskussion daraus entsteht", so du Bois.

In Zeiten, in denen das Gesundheitssystem immer stärker nach ökonomischen Gesichtspunkten gestaltet werde, müssten ethische Werte maßgeblich berücksichtigt werden. Zudem seien Transparenz und Nachvollziehbarkeit bei der Ausarbeitung von Priorisierungskriterien wichtig.

Dem DÄB sind bei der Priorisierungsdebatte drei Dinge besonders wichtig.

Bei der Auseinandersetzung mit Priorisierungsfragen ist auf den Mangel an geschlechtsspezifischen Fragestellungen hinzuweisen. Der Datenmangel führe zu einem Qualitätsunterschied der Evidenzlage, der für die Beurteilung von Wirksamkeit, Nutzen und Schaden medizinischer Maßnahmen höchst relevant sei.

Bei der Bemühung um Rationalisierung und Effizienz im Gesundheitswesen solle besonders auf die Belange gesellschaftlich Benachteiligter und Bedürftiger geachtet werden.

Bei der Erstellung von Priorisierungskriterien sollten mögliche Interessenkonflikte von Beteiligten transparent gemacht werden. Gremien sollen nach Auffassung des DÄB paritätisch mit Frauen und Männern besetzt werden.

Für Gabriele du Bois führt kein Weg an einer Priorisierungsdebatte vorbei. "Wir müssen uns damit beschäftigen, denn die therapeutischen Möglichkeiten werden immer aufwendiger, komplizierter und teurer. Immer mehr ist möglich."

Ein kluger Schritt wäre ihrer Meinung nach, wenn erst einmal das nicht mehr von den Krankenkassen bezahlt würde, "was wirklich überhaupt nicht sinnvoll ist". (chb)

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