Hintergrund

Auch der Chef beeinflusst die Gesundheit

Der jüngste WIdO-Fehlzeitenreport deckt auf, was krank macht. Vier Bausteine bestimmen, wie oft und lange ein Arbeitnehmer krankgeschrieben ist. Ein Knackpunkt: die Bildung.

Von Helmut Laschet Veröffentlicht: 16.08.2011, 15:15 Uhr

Seit 2006 nimmt der Krankenstand in Deutschland wieder zu - nachdem er zuvor über eine lange Phase von sieben Jahren beständig gesunken war. Im Jahr 2010 lag er unter den AOK-Mitgliedern bei 4,8 Prozent, die durchschnittliche Dauer der Arbeitsunfähigkeit stieg geringfügig um 0,9 Prozent auf 11,6 Tage.

Diese Globaldaten, die aus dem gestern veröffentlichten Fehlzeitenreport des Wissenschaftlichen Instituts der AOK hervorgehen, sind für sich genommen wenig spektakulär. Gleichwohl enthält der Report einige brisante Daten - und damit auch Hinweise auf Veränderungsoptionen.

Die größte Neigung zum "Krankfeiern" haben die Hamburger und Berliner: Ihr Krankenstand liegt um 20 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Gleiches gilt für das Saarland. Am gesündesten scheinen die Bayern zu sein, die einen Krankenstand von 4,2 Prozent haben.

Mit eine Ursache können Wirtschafts- und Sozialstrukturen sein, die regionale Unterschiede aufweisen. Nach den Branchen Energie/Wasser/Entsorgung und Bergbau mit einem durchschnittlichen Krankenstand von 5,9 Prozent sind Mitarbeiter in staatlichen Verwaltungen und der Sozialversicherung überdurchschnittlich häufig krank: 5,5 Prozent beträgt der Krankenstand in den Amtsstuben. Noch stärker ist der Einfluss des ausgeübten Berufs. Grundsätzlich gilt: Je geringer die Qualifikation, desto höher das Krankheitsrisiko. So kommen Straßenreiniger und Abfallbeseitiger auf 30 Arbeitsunfähigkeitstage pro Jahr. Überdurchschnittlich lange Fehlzeiten haben auch Helfer in der Krankenpflege: 25,5 Tage - der Durchschnitt aller AOK-Mitglieder liegt bei 17,6 Tagen.

Eine formal höhere oder gar hohe Bildung wirkt wie ein starker Gesundheitsschutz: Diätassistenten und Pharmazeutisch-Technische Angestellte liegen mit ihrer Arbeitsunfähigkeitsdauer von 8,4 Tagen bei 50 Prozent des Durchschnitts. Noch weniger krank sind Ärzte mit 7,1 Tagen.

Doch nicht nur Beruf und Branche bestimmen, wie krank oder gesund Arbeitnehmer sind: Auch die Verhältnisse am Arbeitsplatz und das Führungsverhalten der Vorgesetzten haben starken Einfluss auf das Ausmaß von Arbeitsunfähigkeit, wie die Autoren des Fehlzeitenreports herausgefunden haben.

Mangel an Anerkennung und Partizipation, gar Rücksichtslosigkeit, Ungerechtigkeit und Unkollegialität - schlechte Chefs müssen damit rechnen, dass der Krankenstand ihrer Mitarbeiter um rund 20 Prozent höher ist als der bei "beliebten" Vorgesetzten.

Allerdings sind die Chefs selber häufig in einer Sandwich-Position, sie leiden unter Zeitdruck und Arbeitsdichte. Das, so die Autoren des Reports, führe zu Präsentismus: Führungskräfte gehen im Schnitt an 8,3 Tagen zur Arbeit, obwohl sie krank sind. Angesichts dessen ist nicht verwunderlich, dass psychische Krankheiten auf Platz 5 aller AUUrsachen stehen und 9,1 Prozent aller AU-Fälle ausmachen. Die Krankheitsdauer ist mit 23,4 Tagen die höchste.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Medizin in einem neuen Licht

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Kommentare
Dr. Horst Grünwoldt

Arbeitsunfähigkeit

Das ist doch sehr interessant, wenn führungsschwache oder ungeeignete Vorgesetzte (sog. Chefs) für einen um 20% erhöhten Krankenstand im Betrieb "sorgen" können!
Ich denke, aufgrund eigener langjähriger Erfahrung, daß dies besonders im Öffentlichen Dienst ein großes Problem ist. Denn die privaten Unternehmen können sich diesen leistungshindernden "Luxus" normalerweise gar nicht leisten.

Wie ja auch bekannt ist, gelangen gerade in Dienststellen der kommunalen und staatlichen Verwaltung des öfteren Persönlichkeiten auf ominösen (Partei-) Wegen in (personal-)leitende Funktionen und auf höhere "Posten", obwohl ihnen neben der fachlichen, sogar die sog. soziale Kompetenz aufgrund privaten Karrierestrebens völlig fehlt.
Insofern wäre durch die jeweils zuständigen Aufsichtsbehörden tatsächlich die Feststellung des Krankenstandes in einer Behörde oder einem öffentlichen Betrieb ein wichtiges Kriterium zur Beurteilung der Amts- oder Betriebsleitung und ggf. sogar (gerichtsfester) Grund, diese eigentlich unfähigen Chefs nicht nur nicht weiter zu befördern, sondern sogar herabzustufen.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt (VOR a.D.) aus Rostock


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