Tod nach schwerer Krankheit

Dr. Heidrun Gitter – Ärztin mit Temperament und Engagement

Dr. Heidrun Gitter, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer und Präsidentin der Bremer Ärztekammer ist gestorben. Sie wurde nur 60 Jahre alt. Ein Nachruf.

Von Christian BenekerChristian Beneker Veröffentlicht:
Heidrun Gitter, Ellen Lundershausen, Klaus Reinhardt

Glückliche Sieger bei der BÄK-Präsidiumswahl 2019: Heidrun Gitter (links), Ellen Lundershausen und Klaus Reinhardt.

© Michaela Illian

Bremen. Was wohl den meisten, die sie gekannt haben, in Erinnerung bleiben wird, ist ihr Temperament und ihre berufspolitische Leidenschaft. Im Februar noch äußerte sich Bremens Ärztekammerpräsidentin und Vizepräsidentin der Bundesärztekammer, Dr. Heidrun Gitter, gewohnt energisch zur impfkritischen Haltung des Bremer Gesundheitswissenschaftlers Professor Gerd Glaeske.

Es empöre sie wahnsinnig, dass Herr Glaeske angedeutet habe, die Schnelligkeit der Impfkampagne hätte in Bremen Vorrang gehabt, sagte Gitter dem Bremer Lokalmagazin „buten un binnen“. Verärgerten Patienten, die ankündigten, sich beim Vorstand der Bremer Ärztekammer zu beschweren, antwortete sie kurzerhand: „Er steht vor Ihnen.“

Am 15. März ist die Kinderchirurgin im Alter von 60 Jahren in ihrer Heimatstadt Bremen gestorben. „Wir wussten, dass sie schwer krank war, aber nichts deutete darauf hin, dass sie so plötzlich sterben würde“, sagt ein Weggefährte der „Ärzte Zeitung“.

Berufspolitisch früh engagiert

Heidrun Gitter wurde am 16. Oktober 1960 in Bremen geboren. Von 1978 bis 1984 studierte sie Medizin und Jura an der Universität Köln und der der Wayne State Medical School in Detroit/ USA. Im Jahr 1986 promovierte sie in Köln. Im gleichen Jahr begann Gitter an der Kinderchirurgischen Klinik des Zentralkrankenhauses in der St.-Jürgen-Straße in Bremen. Nach vier Jahren in Wiesbaden kehrte sie an die alte Wirkungsstätte zurück.

Seit 1996 war Heidrun Gitter Oberärztin, seit 2004 leitende Oberärztin der Klinik für Kinderchirurgie und -urologie am Klinikum Bremen-Mitte. Ihre Anerkennung als Ärztin für Kinderchirurgie erhielt sie im Jahr 1999.

Gitter war seit Jahrzehnten berufspolitisch engagiert. Ihr Engagement hat sie bis in die Spitzen der ärztlichen Berufspolitik geführt. So gründete sie die Vertretung der jungen angehenden Chirurgen in der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH) und erkämpfte für sie einen Platz im Vorstand der Fachgesellschaft.

Als Streikführerin im MB Bremen

Sie war seit 1996 Mitglied der Delegiertenversammlung der Ärztekammer Bremen und gehörte seit dem Jahr 2000 dem Vorstand an. Im Januar 2008 wurde sie zur Vizepräsidentin und 2012 zur Präsidentin der ÄK Bremen und 2020 für eine dritte Amtszeit gewählt.

Zuvor war sie von 2004 bis 2018 auch erste Vorsitzende des Landesverbandes Bremen des Marburger Bundes (MB). 2006 führte sie den Ärztestreik des MB an, an dessen Ende der Tarifvertrag für Ärztinnen und Ärzte in kommunalen Kliniken stand. Seit 2020 ließ sie die Kliniktätigkeit ruhen und widmete sich ausschließlich der Berufspolitik.

In den Debatten um die Weiterbildungsordnung focht sie dafür, die neue Ordnung nicht mit zu vielen neuen Inhalten zu überladen, sagt Christina Hillebrecht, Vorsitzende des MB an der Weser. Gitters Ziel sei immer „eine zeitlich realistische aber dennoch anspruchsvolle Weiterbildung gewesen, schreibt die Bremer Kammer in einem Nachruf. „Sie hat gewusst, dass bei den großen Themen dicke Bretter gebohrt werden müssen, und so ist sie auch an ihren Themen drangeblieben“, sagt die Hauptgeschäftsführerin der Bremer Ärztekammer, Dr. Heike Delbanco. Stets habe Gitter junge Ärztinnen und Ärzte ermutigt, ärztliche Haltung zu zeigen und sich gegen die Auswirkungen eines mehr und mehr kommerzialisierten Gesundheitswesens zu stellen. Auch habe sie sich mit Leidenschaft und Engagement für den Erhalt des Arztberufes als freier Beruf eingesetzt. Ihr sei es mit ihrer Arbeit in Bremen gelungen, die Kammer zu einer wichtigen Ansprechpartnerin für Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit zu machen.

Wider den Übergriffen auf den ärztlichen Beruf

Der Sprung an die Spitze der Bundesärztekammer gelang Gitter im Jahr 2019. Im Mai wählten sie die Abgeordneten des 122. Deutschen Ärztetages in Münster zur Vizepräsidentin der BÄK. In ihrer Bewerbungsrede hatte sie unter anderem die Übergriffe auf den ärztlichen Beruf kritisiert, etwa den Vorschlag des Patientenbeauftragten der Bundesregierung, den Beruf des Gesundheitslotsen zu etablieren, „obwohl das eine klassische Funktion der Hausärzte ist“, wie sie betonte.

Im Bremer Corona-Krisenstab und als Vorsitzende der Bremer Impfkommission hat sie immer wieder die ärztliche Perspektive eingebracht, so die Bremer Kammer. Gitter „hatte zudem stets ein offenes Ohr für die Sorgen und Wünsche der Ärztinnen und Ärzte im Land Bremen und vertrat deren Interessen mit großer Leidenschaft und der notwendigen Hartnäckigkeit, wo immer es nötig war.“

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