Kommentar zum Corona-Richtungspapier

Corona zwingt Ärzte auch zum Umdenken

Die COVID-19-Pandemie birgt die Chance, bewährte Strukturen des Versorgungssystems auszubauen und ineffiziente abzubauen. Je früher, desto besser.

Von Thomas HommelThomas Hommel Veröffentlicht:

Gerade jetzt, da erneut längere und wohl auch schärfere Alltagsbeschränkungen drohen, werden viele die Corona-Krise verdammen. Zu Recht.

Zu Gute halten muss man der Pandemie, dass sie – wie kaum ein Ereignis zuvor – Licht- und Schattenseiten unseres Gesundheitssystems zum Vorschein bringt. So gesehen liegt in der Krise die Chance, Strukturen zu würdigen und zu hinterfragen.

Gesundheitsexperten haben das im Auftrag der Bertelsmann und der Robert Bosch Stiftung sowie der Barmer-Krankenkasse getan.

Ihr „Richtungspapier zu mittel- und langfristigen Lehren“ aus Corona zeigt: Vor allem Hausärzten ist es zu verdanken, dass Deutschland vergleichsweise gut durch die Pandemie kommt. Der ambulante Schutzwall verhindert, dass Patienten mit Verdacht auf SARS-CoV-2 reihenweise dort hinrennen und die Häuser vor Überlastung kollabieren.

Corona offenbart aber auch Reformbedarf. Beispiel ÖGD: Den Gesundheitsämtern fehlt es an Personal, Geld, digitaler Technik und wissenschaftlicher Fundierung. Letzteres braucht es aber dringend, um die Ämter zu modernen Dienstleistern für Public Health zu machen.

Reformeifer wird oft ausgebremst

Beispiel Krankenhaus: Seit Jahren werden Zentrenbildung und Spezialisierung gefordert. Passiert ist wenig. Jeder Reformeifer wird mit dem Verweis auf die Notwendigkeit wohnortnaher Grundversorgung ausgebremst.

Das Barmer-Bertelsmann-Bosch-Papier zeigt: Es geht hier nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch. Es braucht die Aufgabenteilung zwischen kleineren Kliniken und großen Maximalversorgern. Das Prinzip, wonach alle alles machen dürfen, muss ein Ende haben. Keine neue Erkenntnis. Aber Corona zwingt mehr denn je, sie zu beherzigen.

Das gilt auch für die Aufgabenverteilung zwischen Ärzten und Pflegekräften. Dass eine Heilkundeübertragung an Pflegeprofis in der Pandemie möglich, in der Regelversorgung dagegen ein Unding sein soll, glaubt heute höchstens noch derjenige, der die Augen vor der Realität verschließt.

Die Pflegewissenschaftlerin Gabriele Meyer – Mitautorin der Corona-Zwischenbilanz – hat es treffend formuliert. „Wenn eine Pflegekraft, die Expertise in der Wundversorgung hat, heute noch den Hausarzt bitten muss, ein Rezept auszufüllen und ihm sagt, was da draufstehen soll, dann ist das eine Sollbruchstelle, die wir unbedingt überwinden müssen.“ Corona bietet die Chance, das zu tun.

Schreiben Sie dem Autor: thomas.hommel@springer.com

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