Hintergrund

Couch-Potatoes, die zu häufig Pillen nehmen: Sorgenkinder in Berlin

Immer mehr Berliner Schulkinder haben psychische Probleme. Das ist ein Ergebnis der internationalen HBSC-Studie.

Von Angela MisslbeckAngela Misslbeck Veröffentlicht: 21.10.2008, 14:56 Uhr

Im internationalen Vergleich wachsen Schulkinder in Deutschland relativ gesund heran. Sie zeigen den Angaben zufolge keine Defizite im Ernährungsverhalten und haben seltener als Schulkinder in anderen Ländern psychosomatische Probleme. Allerdings rauchen sie mehr, haben einen Nachholbedarf bei Bewegung und sind häufiger von Mobbing betroffen.

So lässt sich der internationale Vergleich zusammenfassen, den die Berliner Senatsgesundheitsverwaltung anhand der zweiten HBSC-Studie (Health Behaviour of School-aged Children) der Weltgesundheitsorganisation WHO gezogen hat. Schneidet Gesamtdeutschland noch relativ gut ab, so gibt die Entwicklung in Berlin in manchen Bereichen Anlass zur Sorge. Im Vergleich zu den Ergebnissen der HBSC-Studie im Jahr 2002 hat sich das Wohlbefinden der Kinder nach der Studie mit Umfragedaten aus dem Jahr 2006 verschlechtert.

So ist der Anteil der Kinder, die als psychisch auffällig eingestuft werden, von fünf auf acht Prozent gestiegen. Statt bei 84 Prozent liegt der Anteil als unauffällig eingestufter Kinder nun nur noch bei 78 Prozent. Das bedeutet, dass in jeder Klasse durchschnittlich mindestens zwei Kinder mit psychischen Auffälligkeiten sitzen. "Diese Kinder haben wahrscheinlich psychische Probleme, unter denen sie im Alltag leiden und bei denen eine ärztliche Diagnostik angeraten wäre", sagt Dr. Susanne Bettke, eine der Autorinnen der Studie "Gesundheits- und Risikoverhalten von Berliner Kindern und Jugendlichen", die auf den HBSC-Daten basiert. Psychische Probleme treten häufiger bei Schulkindern aus Familien mit geringem Wohlstandsniveau auf, und sie gehen oft mit Schmerzen und Arzneimittelkonsum einher.

Mädchen greifen öfter zur Tablette als Jungen

Seit 2002 hat sich das Wohlbefinden der Schüler verschlechtert.

Die Hälfte der Kinder habe im Monat vor der Befragung mindestens ein Medikament eingenommen, am häufigsten wegen Kopf- oder Bauchschmerzen. Mädchen greifen häufiger zur Tablette als Jungen. Inzwischen gibt fast jedes vierte Berliner Kind im Alter von elf bis 15 Jahren (24 Prozent) an, dass es wiederholt unter psychosomatischen Beschwerden, wie Kopf- und Bauchschmerzen, Schlafstörungen oder Nervositätszuständen leidet. 2002 gab nur jedes fünfte Kind solche Gesundheitsstörungen an. Dabei sind Mädchen häufiger betroffen als Jungen, und dieser Unterschied nimmt mit dem Alter der Kinder zu. Ohnehin sind der Studie zufolge Mädchen die Sorgenkinder in der Hauptstadt. Mehr als die Hälfte fühlt sich zu dick (54 Prozent). Bei den Jungen sind es 36 Prozent. Insgesamt gaben 44 Prozent der Kinder an, dass sie sich zu dick fühlen. 2002 waren das noch 39 Prozent. Dabei ist der Anteil der objektiv Übergewichtigen jedoch gleich geblieben.

Einer Studie des Robert-Koch-Instituts zufolge liegt er bei 17 Prozent und weist keinen Geschlechterunterschied aus. Das zeigt nach Ansicht der Berliner Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher, dass das Körperselbstbild vor allem bei Mädchen immer negativer wird.

Mädchen sind häufiger Bewegungsmuffel als Jungen

Auch im Bewegungsverhalten sind Mädchen den Jungen unterlegen. 18 Prozent der Jungen, aber nur zehn Prozent der Mädchen sind jeden Tag mindestens eine Stunde in Bewegung oder beim Sport, wie es die WHO empfiehlt. Mehr als jedes dritte Mädchen schafft dieses Pensum nur zweimal pro Woche. Die Studie zieht auch einen Vergleich zwischen Berlin und Hamburg. Danach bewerten Berliner Kinder ihre gesundheitliche Lebensqualität schlechter als Hamburger. Diese Bewertung der Kinder fiel umso negativer aus, je geringer der familiäre Wohlstand war.

Schüler in über 40 Ländern werden befragt

Für die Studie "Health Behaviour in School-Aged Children" werden alle vier Jahre unter der Schirmherrschaft der Weltgesundheitsorganisation Schulkinder zwischen elf und fünfzehn Jahren in mehr als 40 Ländern über ihr Gesundheitsverhalten und ihr Befinden befragt. In Deutschland waren außer Berlin auch Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Sachsen an der Studie beteiligt. Dem Berliner Bericht liegt eine Umfrage unter 1300 Schülern der Gesamt- und Realschulen und der Gymnasien zugrunde. Er wurde zum zweiten Mal erstellt. Das erlaubt erstmals Aussagen zu Entwicklungstendenzen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Gute Schulen, gesunde Kinder

Lesen Sie dazu auch: Immer mehr Schüler sind psychisch auffällig

Mehr zum Thema

Schleswig-Holstein

Niedrige Inzidenzwerte bringen Kliniken in finanzielle Nöte

Regierungserklärung

Merkel rechtfertigt neue Lockdown-Beschlüsse

Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
Check von und Lunge und Herz: Bei COPD-Patienten, die eine relevante kardiovaskuläre Erkrankung aufweisen, ist das Risiko für schwere COVID-19-Verläufe deutlich erhöht.

Schwere Verläufe

Pneumologen definieren COVID-19-Risiken für Lungenkranke

Ein Schild weist auf ein Corona-Testzentrum hin. Neue Regelungen sollen zum 1. Dezember kommen.

COVID-19-Pandemie

Neue Corona-Testverordnung ab Dezember

Eigentlich sollte der DiGA nach einer ärztlichen Verordnung nichts mehr im Wege stehen – in der Praxis treten aber noch vereinzelt Probleme mit den Krankenkassen auf.

Exklusiv Hausarzt berichtet

Krankenkassen schmettern DiGA-Rezepte teils ab