Organspende

DSO vertagt den Umbruch

Der Transplantationsskandal an den Unis in Göttingen und Regensburg hat auch der DSO heftig zugesetzt. Ein Befreiungsschlag ist die Jahrestagung nicht.

Von Anno FrickeAnno Fricke Veröffentlicht:
DSO in Frankfurt: Quo vadis?

DSO in Frankfurt: Quo vadis?

© DSO

BERLIN. Ein radikaler Umbruch bei der Gewinnung und Zuteilung von Spenderorganen in Deutschland zeichnet sich nicht ab. Allerdings wird die Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) neu aufgestellt - so die Erkenntnis von der Jahrestagung der DSO in Berlin.

Bund und Länder würden die private Einrichtung durch einen Sitz im Stiftungsrat künftig stärker kontrollieren, kündigte Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) an.

Um Manipulationen künftig auszuschließen, habe die Selbstverwaltung das Mehraugenprinzip und interdisziplinäre Transplantationskonferenzen in den Kliniken eingeführt, sagte BÄK-Präsident Professor Frank Ulrich Montgomery.

Die Art der Verteilung vor allem von Lebern in Deutschland ist seit Monaten umstritten. Unregelmäßigkeiten bei der Zuteilung von Spenderorganen oder der Verdacht darauf sind bislang von den Transplantationszentren Regensburg, Göttingen und dem Klinikum rechts der Isar in München bekannt geworden.

Gesundheitsminister Bahr sprach vor den DSO-Vertretern von "krimineller Energie". In der Folge der Vorfälle haben sich die Spenderzahlen bis September nahezu halbiert. Und das von einem im Vergleich mit Ländern wie Spanien ohnehin nicht allzu hohen Niveau.

Abhilfe solle das novellierte Transplantationsgesetz schaffen, sagte Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP). Die Kassen müssen spätestens ab Herbst 2013 ihre Versicherten in Zweijahresabständen über die Organspende informieren, um ihnen eine Entscheidung pro oder kontra Spende zu erleichtern.

Probleme mit der Finanzierung

Minister Bahr ermahnte die Kliniken und Kassen, an Krankenhäusern mit Intensivstationen schnell Transplantationsbeauftragte einzusetzen. Die sollen mögliche Spender für die Hirntod-Diagnostik identifizieren und die Spende mit den Angehörigen abklären.

Das sei keine "Alibiveranstaltung, sondern Wille des Gesetzgebers", sagte Bahr mit einem warnenden Unterton in Richtung der anwesenden Vertreter der Kassen und der Krankenhäuser. Die Transplantationsbeauftragten gelten hier als Kostenfaktoren.

Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), klagte, dass die Kassen in den Verhandlungen über die Finanzierung der Transplantationsbeauftragten für die 1300 Entnahmekliniken lediglich zwei Millionen Euro im Jahr angeboten hätten.

Die organisatorische Einbindung der Transplantationsbeauftragten in die Klinikabläufe sei entscheidend, sagte der Präsident der Bundesärztekammer, Professor Frank Ulrich Montgomery. Es gelte schnell die Finanzierung dieser Stellen sicherzustellen, forderte der BÄK-Chef die Kassen zum Handeln auf.

Die Verteilung übernimmt die in den Niederlanden ansässige Organisation Eurotransplant. Sie regelt die Verteilung von Organen in den acht Mitgliedsländern, zu denen ab 2013 auch Ungarn gehören soll. Allerdings setzen die Eurotransplant-Länder unterschiedliche Akzente.

Österreich, Slowenien und Kroatien bedienten sich bei Lebertransplantationen eines Allokationsmodells, in dem die Transplantationszentren mehr Einfluss haben als in Deutschland und den Beneluxstaaten, berichtete Axel Rahmel, der ärztliche Direktor von Eurotransplant.

Dort spielt zunächst der MELD-Score, ein Gradmesser für die Schwere einer Lebererkrankung, eine größere Rolle bei der Verteilung von Spenderorganen.

Der Chef der Barmer GEK, Dr. Wilfried Straub, erneuerte anlässlich der Tagung seine Forderung nach einer drastischen Reduzierung von Transplantationszentren in Deutschland.

Nachfolge von Kirste unklar

"Warum 44 Zentren, wenn 20 ausreichen", sagte Straub. Er bemängelte, dass je nach Organ bis zu 20 Prozent der Zentren die vom GBA vorgegebenen Mindestmengen nicht erreichten. Die DSO gibt die Zahl der Zentren mit 47 an.

Bei der Tagung wurden Änderungen der Verteilungssystematik zumindest bei der besonders sensiblen Zuteilung von Lebern nur indirekt angesprochen. Ebenfalls indirekt, aber dringend, ist auch das Thema der Nachfolgeregelung des ärztlichen Direktors der DSO, Professor Günter Kirste.

Er scheidet zum 1. Februar 2013 aus. Nachdem Bahr den Münchner Transplantationsmediziner Helmut Arbogast abgelehnt hatte und Eurotransplant-Chef Axel Rahmel den Job abgelehnt hat, geht man in DSO-Kreisen von einer Interimslösung aus.

Zum Start der DSO-Tagung wurde bekannt, dass der seit Augustbeurlaubte Direktor der Chirurgischen Klinik der Uniklinik Regensburg, Professor Hans Schlitt, nach Beschluss des Vorstands und Aufsichtsrats ab sofort seine Arbeit wieder aufnehmen kann.

Grundlage sei ein Rechtsgutachten, teilte die Kliniksprecherin Susanne Körber mit. Schlitt war von 2003 bis 2008 der Vorgesetzte des Transplantationschirurgen Aiman O. gewesen, ehe dieser nach Göttingen wechselte.

Der damalige Oberarzt steht im Verdacht, während seiner Tätigkeit in Regensburg in 43 Fällen Patientendaten manipuliert zu haben, um ihnen bevorzugt zu einer Spenderleber zu verhelfen.

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