Versorgung in Griechenland

"Das ist Dritte Welt in Europa"

Das griechische Gesundheitssystem steht am Abgrund. Reguläre Medizin kann sich nur noch leisten, wer cash in Euro bezahlt.

Von Jana Kötter und Helmut LaschetHelmut Laschet Veröffentlicht:
Griechenland muss den Gürtel enger schnallen - mit Folgen für die medizinische Versorgung.

Griechenland muss den Gürtel enger schnallen - mit Folgen für die medizinische Versorgung.

© Mipan/Panthermedia

NEU-ISENBURG. Die Gesundheitsversorgung großer Teile der griechischen Bevölkerung ist auf das Niveau der Dritten Welt gesunken - weit unter den Leistungsstandard von Bulgarien und Rumänien.

Am Ende werde es nur noch eine moralische Frage sein, ob und wie die EU dem "failing state" Griechenland humanitäre Hilfe etwa in der medizinischen Versorgung leiste.

Das ist das Fazit des Vizedirektors der Vertretung der deutschen Sozialversicherung bei der EU, Dr. Günter Danner. Nach seiner Analyse arbeitet das System völlig dysfunktional:

- Die 2012 geschaffene Einheitskrankenversicherung EOPYY stützt sich auf Beiträge von Versicherten, Arbeitgebern, Mieten, Pachten, Kapitaleinkünften, Spenden und Staatszuschüssen. Doch wie Steuern werden die Beiträge effektiv nicht eingezogen. Neben Altschulden in unbekannter Höhe türmen sich unbezahlte Rechnungen von Kliniken auf rund vier Milliarden Euro.

- Die ärztliche Versorgung soll durch Polikliniken, getragen von EOPYY oder Kommunen, sichergestellt werden. Nur fünf Prozent der Mediziner sind Hausärzte. Weil das Sachleistungssystem nicht funktioniert, müssen Patienten cash zahlen - doch immer weniger können dies.

- 2,4 Milliarden Euro gab EOPYY für Arzneimittel aus - 44 Prozent des Budgets (deutsche GKV: 16 Prozent); 2010 waren es noch 4,4 Milliarden Euro. Für Klinikversorgung wurden 2014 rund 1,8 Milliarden Euro ausgegeben, knapp 32 Prozent des Budgets. Inzwischen sind die Gesundheitsausgaben auf fünf Prozent des Inlandsprodukts gedeckelt.

Arzt berichtet von dramatischen Zuständen

Die Konsequenzen sind deutlich spürbar: Die öffentliche primäre Gesundheitsversorgung sei in einem dramatischen Zustand, sagte Dr. Boris Treptow, Oberarzt in der Chirurgie am Uniklinikum Heraklion (Kreta), der "Ärzte Zeitung".

"Patienten bilden Schlangen, die Wartezeiten betragen viele Stunden, das ärztliche Personal arbeitet an der Grenze zum Burn-out." Eine zeitnahe Besserung sei nicht in Sicht - auch nicht, wenn das griechische Parlament am Mittwoch den von den EU-Gläubigern auferlegten Reformen zustimmt.

Aus Protest gegen diese wollen die Apotheker von Mittwoch an für 24 Stunden streiken. Ihre Gewerkschaft wendet sich gegen die geplante Liberalisierung des Marktes, bei der rezeptfreie Medikamente in Supermärkten verkauft werden sollen.

Zudem sollen Supermärkte die Erlaubnis erhalten, Apotheken in ihren Räumlichkeiten eröffnen dürfen. "Das werden wir nicht erlauben. Mittwoch werden die Apotheken zu sein", so der Präsident des Apothekerverbandes, Giorgos Lourantos.

Lesen Sie dazu auch: Krise in Griechenland: "Mir fehlten im OP die Instrumente"

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