Gastbeitrag

Die Lücken im Pandemiewissen: Gestern, heute und morgen?

Wiederholen sich in der vierten Corona-Welle die Informationsfehler aus dem Winter 2020/21? Die Ampel-Koalitionäre sind jetzt gefragt, gegenzusteuern.

Von Prof. Dr. Bertram HäusslerProf. Dr. Bertram Häussler Veröffentlicht:
In der Pandemie-Kommunikation stützen sich Politiker auf die Daten des RKI. Aber werden sie diesen Winter die Lehren aus der Informationspolitik der vergangenen Corona-Wellen ziehen?

In der Pandemie-Kommunikation stützen sich Politiker auf die Daten des RKI. Aber werden sie diesen Winter die Lehren aus der Informationspolitik der vergangenen Corona-Wellen ziehen?

© Torsten Sukrow / SULUPRESS.DE / picture alliance

Katastrophaler hätte das Monitoring der Pandemie in Deutschland nicht sein können zu dem Zeitpunkt, als man es am meisten gebraucht hätte. Über die Wirkung des bisher größten deutschen Lockdown, der am 15. Dezember 2020 in Kraft gesetzt wurde, herrschte noch einen Monat später völlige Unklarheit. Auf der Pressekonferenz des RKI vom 14. Januar 2021 gab dessen Leiter lediglich bekannt, dass es noch dauern wird, „bis sich die Effekte der aktuellen Maßnahmen bemerkbar machen“.

Lothar Wieler wies mehrfach darauf hin, dass „die aktuellen Zahlen immer noch nicht ganz einfach zu interpretieren“ seien, weil „über die Feiertage und den Jahreswechsel eben nicht alle Arztpraxen geöffnet waren“. Wieler äußerte die „Einschätzung“, dass „der Anstieg (…) vermutlich nicht mehr so steil wie im Dezember“ sei. Eine Woche später sprach er von einem „leicht positiven Trend“, um dann aber darauf hinzuweisen, dass „weiterhin jeden Tag sehr viele neue Todesfälle übermittelt“ würden.

Eine Bilanz der Krisenkommunikation des RKI

Die Beurteilung dieser Informationspolitik muss zu einem äußerst negativen Ergebnis kommen:

1. Einen Monat nach der Einführung von massiven Kontaktbeschränkungen mit milliardenschweren wirtschaftlichen Konsequenzen hat das bundeseigene RKI keine Ahnung von der Wirksamkeit der Maßnahmen.

2. Es sieht die „Abschwächung eines Anstiegs“ gegenüber dem Dezember, obwohl die Inzidenz am 14. Januar gegenüber dem 23. Dezember bereits um 25 Prozent zurückgegangen war.

3. Am 22. Januar (3. Kalenderwoche) berichtet der RKI-Chef: „An vielen Tagen sind es um die 1000 Todesfälle, teilweise auch mehr. Heute wurden uns insgesamt 859 Fälle gemeldet.“ Tatsächlich sind in der 3. KW durchschnittlich noch 579 Menschen am Tag verstorben, bereits 20 Prozent weniger als in der Vorwoche.

Massive Datenlücken

Doch was sind die Ursachen für diese Fehler?

A. Die Übermittlung der Fakten an das RKI beruht auf Prozessen, die die Schwächen des Versorgungssystems haben: Meldung durch Faxgeräte, keine Nutzung der Telematikinfrastruktur oder des Internets, parallele, aber unverbundene Prozesse, keine bundeseinheitliche Standardisierung. Die Konsequenz sind massive Datenlücken, etwa zum Impfstatus.

B. Die Gesundheitsämter haben weder die Technologie noch das Personal, um eine Aufklärung von Ausbrüchen zu leisten, insbesondere wenn es sich um Landkreise und Städte handelt, in denen Bevölkerungskreise leben, mit denen eine Verständigung in deutscher Sprache schwierig ist oder wenn die Inzidenz hoch ist.

C. Die Kommunikation des RKI gegenüber der Öffentlichkeit ist unzulänglich. Selbst für die Fachöffentlichkeit sind die täglichen Lage- oder Wochenberichte teilweise schwer zu verstehen. Einzelne Missstände werden eher verschleiert als deutlich gemacht.

D. BMG und RKI versäumen es, die Motivationslage von wichtigen Bevölkerungsgruppen zu untersuchen, die nicht in der Lage sind, einem anspruchsvollen deutschsprachigen Online-Fragebogen zu folgen. Derzeit vermissen wir entsprechende Daten im Hinblick auf die nicht Geimpften besonders schmerzlich. Geschätzt zehn Millionen Menschen haben grundsätzlich keine Chance, in den Befragungsstichproben repräsentiert zu sein und etwa darüber befragt zu werden, unter welchen Umständen sie sich impfen lassen würden. Gerade im Hinblick auf diese Ausgeschlossenen gibt es aber Hinweise, dass ihre Impfbereitschaft eher unterdurchschnittlich ist. Vor diesem Hintergrund sind massive Effektivitätseinbußen zu befürchten, was die gezielte Prävention durch passive und aktive Maßnahmen wie das Impfen betrifft.

Auch ein Versagen der Technologiepolitik der letzten 20 Jahre

Auf dieser Basis tappen wir vor allem immer dann im Nebel, wenn es besonders wichtig wäre, präzise Informationen zu haben. Derzeit (47. KW) sind in Relation zu den Fallzahlen z.B. folgende Anteile bekannt:

  • Klinische Informationen (z.B. Symptome): 26 Prozent aller gemeldeten Fälle
  • Impfstatus: 22 Prozent aller gemeldeten Fälle
  • Informationen über die Zugehörigkeit von Fällen zu Ausbrüchen: 5,3 Prozent aller gemeldeten
  • Impfstatus von Patienten auf der Intensivstation im DIVI-Register: 0 Prozent der Fälle in den belegten Betten.

Für diese unvollständige Auflistung von Lücken und Fehlern sind viele verantwortlich, nicht nur das RKI. Wichtige Gründe liegen im Versagen der Gesundheits- und Technologiepolitik der letzten 20 Jahre.

Die Ampelkoalition kann einen Neuanfang starten und hat mit der Einrichtung eines Krisenstabs bzw. eines Pandemierats die Chance zur Initiative. Diese muss dringend ergriffen werden, weil wir uns – ähnlich wie im Dezember 2020 – erneut vor enorm wichtigen Entscheidungen befinden. Wir laufen noch immer Gefahr, maximale Maßnahmen ergreifen zu müssen, weil wir zu wenig wissen.

Prof. Dr. Bertram Häussler ist Vorsitzender der Geschäftsführung des IGES Instituts

Der IGES Pandemie Monitor

Wie stellt sich das aktuelle Infektionsgeschehen dar? Antworten auf diese und andere aktuelle Fragen gibt der IGES Pandemie Monitor. Seine Mission ist es, mehr Orientierung in der Corona-Pandemie zu geben.

Er bietet differenzierte Analysen über die Entwicklung der Pandemie und über die Treiber von Infektionen mit SARS-CoV-2. Dies soll die Anstrengungen aller unterstützen, die Pandemiedynamik besser zu verstehen und die richtigen Maßnahmen zu treffen.

Der IGES Pandemie Monitor wird als Internetseite präsentiert, deren Inhalt laufend an das Geschehen angepasst wird.

www.iges.com/corona

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