Mammografie

Die Screening-Debatte nimmt Fahrt auf

Der Nutzen eines systematischen Brustkrebs-Screenings wird seit Jahren kontrovers von Wissenschaftlern diskutiert. Nun äußern auch führende Gesundheitspolitiker in Deutschland erste Zweifel und fordern eine Neubewertung.

Von Gabriele Wagner Veröffentlicht:
Frau bei der Mammografie: Über das Screening wird wieder heftig diskutiert.

Frau bei der Mammografie: Über das Screening wird wieder heftig diskutiert.

© Sven Bähren / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Jetzt ist die Debatte um Sinn oder Unsinn des flächendenkenden Brustkrebs-Screenings mitten in der Gesundheitspolitik in Deutschland angekommen.

Das im Jahr 2005 eingeführte Screening für Frauen zwischen 50 und 69 Jahren, die alle zwei Jahre eine Einladung zur Mammografie bekommen, soll neu bewertet werden. Wissenschaftler vor allem auch in anderen Ländern fordern das schon seit Jahren. Nun schließen sich auch Gesundheitsexperten in Berlin dieser Forderung an.

Besonders bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass sich der SPD-Gesundheitsexperte Professor Karl Lauterbach für eine solche Neubewertung ausspricht und dabei Unterstützung vom gesundheitspolitischen Sprecher der CDU, Jens Spahn erhält.

Vor allem Lauterbach hatte sich seinerzeit für das flächendeckende Mammografie-Screening stark gemacht. Das Magazin "Der Spiegel" (Ausgabe vom 21. Juli) zitiert ihn mit den Worten: "Die Mammografie war das erste Screening in Deutschland, das auf ausdrücklichen Wunsch der Politik eingeführt wurde."

Doch nun sei es an der Zeit, das Screening neu zu bewerten, da die Ergebnisse von neuen Studien in den vergangenen Jahren immer deprimierender geworden seien.

Tatsächlich wurde schon 2002 festgestellt, dass innerhalb von zehn Jahren ohne Screening vier von 1000 Frauen an einem Mammakarzinom sterben; mit Screening drei von 1000 Frauen (Radiologe 2002; 42: 299-304).

Was Experten wie etwa Professor Peter Gøtzsche vom dänischen Cochrane Centre in Kopenhagen auch kritisieren: Zehn von 2000 Frauen, die zehn Jahre an einem Screening teilnehmen, würden unnötig operiert, bestrahlt oder erhalten eine Chemotherapie.

Ein weiteres Ergebnis neuerer Studien ist auch, dass die Teilnahme am Screening die altersbezogene Gesamtmortalität offenbar nicht beeinflusst.

Das heißt: Die Zahl der Frauen, die an Brustkrebs sterben, kann durch das Screening reduziert werden — wie stark, ist auch unter Experten umstritten. Nur: Die "geretteten" Frauen sterben dann an anderen Karzinomen oder an anderen Krankheiten.

Im Februar stellten Professor emeritus Anthony Miller aus Kanada und Kollegen fest: Regelmäßiges Mammografie-Screening reduziert zumindest Frauen zwischen 40 und 59 Jahren nicht die Brustkrebs-Mortalität im Vergleich zu anderen Untersuchungen, vorausgesetzt, im Falle eines Falles stehen betroffenen Frauen kostenfreie adjuvante Therapien zur Verfügung (BMJ 2014; 348: g366).

Allerdings sind diese Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf deutsche Verhältnisse zu übertragen. In der kanadischen Studie erhielten Frauen zwischen 40 und 59 Jahren jährlich Mammografien. Und: Bei uns können Frauen in der Regel ohne Probleme Brustkrebstherapien erhalten, weil die meisten krankenversichert sind.

In der Schweiz empfiehlt das Swiss Medical Board seit Ende 2013 unter anderem, derzeit laufende Mammografie-Screenings zeitlich zu begrenzen, keine neuen systematischen Mammografie-Screenings einzuführen und Frauen besser, also für sie verständlicher, über Nutzen und Risiken wie Überdiagnose und -therapie aufzuklären.

Die Universität Münster ist bereits beauftragt, eine Mortalitätsevaluation des bundesweiten Mammografie Screening-Programms vorzunehmen. In einer ersten auf zwei Jahre angelegten Untersuchung analysieren die Münsteraner Wissenschaftler derzeit die Machbarkeit einer Mortalitätsevaluation. Sie soll Mitte 2015 vorliegen.

Auch der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) nimmt sich des Themas an: Ihm liegen Evaluationsberichte der Kooperationsgemeinschaft Mammografie-Screening aus den Jahren 2005 bis 2010 vor. (Mitarbeit: af)

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