Pfizers Deutschland-Chef im Interview

Digitalisierung muss dem Menschen dienen

Eine höhere Schlagzahl in der Digitalisierungs-Debatte fordert Peter Albiez. Der Deutschland-Chef von Pfizer ist davon überzeugt, dass die Digitalisierung mit dazu beitragen wird, die Chancen auf Heilung oder Linderung zu verbessern. Die Debatte sollte sich an den Werten Solidarität, Partizipation und Qualität orientieren, sagt Albiez der "Ärzte Zeitung".

Von Wolfgang van den BerghWolfgang van den Bergh Veröffentlicht:
„Digitalisierung kann Sektoren überwinden“: Peter Albiez im Gespräch mit Wolfgang van den Bergh.

„Digitalisierung kann Sektoren überwinden“: Peter Albiez im Gespräch mit Wolfgang van den Bergh.

© Stephanie Pilick

Ärzte Zeitung: Herr Albiez, die Bundeskanzlerin setzt auf die große Digitalstrategie. Digitalrat und Datenethikkommission sollen der Regierung beratend zur Seite stehen. Wie gut gerüstet ist die Pharmaindustrie für die Digitalisierung?

Peter Albiez: Es freut mich zu sehen, dass das Thema mit großer Energie angepackt wird. Das ist sehr ermutigend. Auch im Bereich Gesundheit hat das Thema Digitalisierung Fahrt aufgenommen. Unsere Branche beschäftigt sich unter vielen verschiedenen Gesichtspunkten mit dem Thema. Die pharmazeutische Industrie ist allerdings stark reguliert, sodass sich die disruptive Kraft der Digitalisierung weniger stark entfalten kann. Das ist einerseits gut, weil wir vor keinem Sturm die Fenster vernageln müssen, anderseits fehlt der Handlungsdruck. Die Folge ist, dass bestimmte Prozesse einfach zu langsam laufen. Wir müssen schneller werden, um die Chancen der Digitalisierung zu nutzen.

Läuft die Pharmaindustrie in Deutschland dem Fortschritt hinterher?

Albiez: In den USA ist die Schlagzahl viel höher, ich möchte sagen, mit einer ganz anderen Leidenschaft. Dort wertet man wie selbstverständlich Daten zu medizinischen Zwecken aus und setzt auf Kooperationen mit vielen Unternehmen. Und: Die Diskussionen werden mit weniger Vorbehalten und Ängsten geführt als bei uns. Ja, es ist richtig, wir haben an Boden verloren und sind hintendran.

Wie können wir wieder Boden gut machen?

Albiez: Wenn wir versuchen, Silicon Valley zu kopieren, dann werden wir der Entwicklung hinterherlaufen, und der Abstand wird immer größer. Wir müssen diesen Song zu unserem eigenen machen. Wir müssen uns auf das besinnen, was uns wichtig ist.

Und das wäre?

Albiez: Das sind Werte wie Solidarität, Partizipation, Qualität oder auch Zugang zu Gesundheitsleistungen. Das sind wesentliche Pfeiler, auf die wir unser Gesundheitssystem bauen. Das Silicon Valley hat eine Praxis geprägt, in der der Mensch seine Daten zur Verfügung stellt und dafür Services nutzen kann. Wir können diesen Grundsatz umformulieren: Die Digitalisierung ist dazu da, den Menschen zu dienen, für eine bessere Gesundheit.

Ist das die Digitalstrategie Ihres Hauses?

Albiez: Bei Pfizer gibt es einen starken Impuls, die neue Welt mitzugestalten. Wichtig ist, beim Patienten zu beginnen und die Chancen auf Heilung oder Linderungen zu verbessern. Die Digitalisierung kann dazu beitragen, diese Möglichkeiten auszubauen, in der Forschung, in der Produktion und in der Versorgung. Hier gibt es eine große Dynamik. Dazu gehen wir Forschungs-Kollaborationen ein, wie etwa mit der Datenbankplattform "23 and me". Dadurch haben wir Zugriff auf über 800.000 Datensätze. Mit denen können wir arbeiten, um mögliche Muster- und Therapieansätze etwa bei seltenen Erkrankungen herauszuarbeiten.

Und welche Impulse kommen aus Deutschland?

Albiez: Zum einen haben wir in Freiburg eines der modernsten Werke innerhalb des Konzerns. Hier haben wir eine Anlage geschaffen, in der wir neueste digitale Technologien unter dem Gesichtspunkt von Präzision und Qualitätsverbesserung einsetzen. Wir nutzen auch das quirlige Umfeld in Berlin. Dort haben wir vor vier Jahren den Healthcare Hub gegründet. Das ist ein Experimentierlabor für die Zusammenarbeit mit Start-ups.

Wie groß ist der Druck auf die Unternehmen, auf diesem Gebiet jetzt durchzustarten?

Albiez: Die Digitalisierung erzeugt Druck von allen Seiten. Patienten werden in den nächsten Jahren immer mehr Wissen und Kompetenz für ihre Gesundheit entwickeln. Darüber hinaus haben wir in Deutschland noch andere wichtige Herausforderungen. Ich denke an die Fragmentierung des Systems. Wenn das so bleibt, werden sich die digitalen Möglichkeiten nicht entfalten können.

Sie sprechen von den Sektorengrenzen im System?

Albiez: Ja, die Möglichkeiten der digitalen Unterstützung von Therapien können uns helfen, die Trennung der Sektoren zu überwinden.

Welche Rolle spielt der Arzt dabei?

Albiez: Der Arzt wird seine zentrale Rolle behalten. Das heißt, er wird den Patienten über die Diagnose informieren, auf welcher Grundlage sie entstanden ist und welche therapeutischen Möglichkeiten daraus abzuleiten sind. Digitale Diagnostik wird die Entscheidungsgrundlage für den Arzt verbessern. Die Befürchtungen, ein solches System könne am Ende den Arzt ersetzen, teile ich nicht. Digitale Systeme werden den Arzt in die Lage versetzen, aus einem immer größeren Spektrum die richtige Therapie auszuwählen.

Am Ende müssen die Entscheidungen verantwortet werden. . .

Albiez: Richtig, und die Verantwortung kann nicht einem abstrakten System übertragen werden. Das können wir nur mit einem Menschen besprechen, der die Entscheidung getroffen hat. Zudem: Es geht nicht nur um rationale Aspekte, es geht auch um Empathie und individuelle Präferenzen.

Gibt es Indikationen, bei denen die Digitalisierung eine besonders große Bedeutung hat?

Albiez: Alle Bereiche werden von der Entwicklung profitieren. Den größten Fortschritt erwarte ich bei seltenen Erkrankungen. Es gibt etwa 7000 bis 8000 seltene Erkrankungen, die meisten davon haben genetische Ursachen. Hier wäre es spannend herauszufinden, wo sich mögliche Zielstrukturen für Diagnose und Therapie ableiten lassen. Dabei können uns neue Analyse-Tools helfen. Ich denke aber auch an viele Krebserkrankungen. Nach der Entschlüsselung des Genoms wissen wir, dass sich Krebs in unzähligen spezifischen Erkrankungen darstellt. Heute gibt es bereits maßgeschneiderte Therapien, und das wird zunehmen. Und schließlich werden wir aufgrund verbesserter DNA-Analysen immer mehr über Krankheitsrisiken erfahren, um frühzeitig intervenieren zu können.

Pfizer ist 60 Jahre in Deutschland ansässig. Wenn Sie die Zeit Revue passieren lassen, würden Sie sagen, dass mit der Digitalisierung ein völlig neues Kapitel in der Forschung aufgeschlagen wird?

Albiez: Ich möchte da die Onkologie nennen. In den letzten 20 Jahren sind große Fortschritte erzielt worden. Bei einigen Krebsarten können wir von Heilung sprechen, bei anderen gibt es gute therapeutische Möglichkeiten auch mit Blick auf die Verbesserung der Lebensqualität. Es sind genau diese Fortschritte, die jetzt mit den neuen Möglichkeiten der Digitalisierung zusammengeführt werden müssen. Damit beginnt eine neue Ära.

Trotz der Bedenken, die immer wieder geäußert werden?

Albiez: Gerade deshalb müssen wir mehr die Chancen herausstellen. In Deutschland ist man da oft zu verhalten, auch beim Thema Datenschutz. Selbstverständlich haben wir alle das unverzichtbare Recht und den Anspruch, dass unsere persönlichen Daten geschützt werden. Daten sind aber auch ein Schatz. Wenn wir die auswerten, schaffen wir die Möglichkeit, neue Therapien zu entwickeln. Ich finde, wir sollten mit Mut nach vorne gehen.

Das kann aber nicht von oben verordnet werden....

Albiez: ...das ist der Punkt. Wir müssen die Menschen auf diesem Weg mitnehmen. Ich spreche von Partizipation. Wir brauchen eine Sprache, die Menschen erklärt, worum es geht. Ebenso muss sich unser Bild von Gesundheit ändern. Es muss ein Bewusstsein geschaffen werden, das Gesundheit als essentielle Ressource wie Wasser oder Energie begreift. Gesundheit ist ein zentrales Element zur Stabilisierung unserer Gesellschaft.

Ist das mit ein Grund, warum sich Pfizer neben Forschung und Entwicklung auf der Plattform "landdergesundheit.de" auch mit Fragen zur Gesundheitskompetenz und zu Beteiligungsmöglichkeiten beschäftigt?

Albiez: Ja, auch. Die zentrale Frage war zunächst: Wie schaffen wir ein neues Wir? Dann wollten wir die Komplexität und die Herausforderungen des Systems darstellen. Ziel war es, den Anstoß für eine Diskussion über die wichtigsten Gesundheitsthemen der Zukunft zu geben.

Und wie sind die beiden zentralen Begriffe Kompetenz und Beteiligung entstanden?

Albiez: Alle neuen technologischen und medizinischen Möglichkeiten werden sich nur entfalten können, wenn sie vom Einzelnen verstanden werden. Dabei geht es zentral um das Wissen über Erkrankungen und über Gesunderhaltung. Der Aufbau von Gesundheits-Kompetenz ist die Voraussetzung für Beteiligung und selbstbestimmtes Handeln. Das ist auch eine Chance, die die Digitalisierung schaffen kann: der Zugang zu wichtigen Informationen.

Gibt es dazu konkrete Beispiele?

Albiez: Zusammen mit Patientenvertretern und Ärzten haben wir den Patienten-Navigator entwickelt. Auf den Online-Plattformen "Hilfe für mich" versuchen wir, das gesamte Spektrum der Erkrankungen "metastasierter Brustkrebs" und "Schlaganfall" abzubilden. Das Feedback ist beachtlich. Das Angebot wird jetzt für weitere Erkrankungen aufgebaut.

Wenn sie in die Glaskugel schauen, wo stehen wir mit der Digitalisierung in fünf Jahren?

Albiez: Ich bin Optimist, wir werden große Schritte nach vorne machen, auch wenn wir hier und da einen halben Schritt werden zurückgehen müssen. Jetzt ist die kritische Energie da, die die Prozesse befördern wird. In fünf Jahren wird digitale Medizin zur realen Versorgung gehören.

Wir werden erste Erfahrungswerte auch über die bessere Nutzung von Daten haben. Und ich hoffe sehr, dass wir selbstbewusst unseren europäischen Weg gehen, der auf den Grundprinzipien von Solidarität, Partizipation und Qualität aufbaut. Darum müssen wir jetzt handeln. Miteinander. Für eine gesunde Zukunft. Dann wird das Silicon Valley auf uns schauen und fragen: Wie können wir von denen lernen?

Pfizer

  • Branche: Forschendes Pharmaunternehmen, Hauptsitz New York. Schwerpunkte der Forschung sind unter anderem Krebserkrankungen, Entzündungskrankheiten, seltene Erkrankungen, Impfstoffe und metabolische Erkrankungen.

  • Internationaler Umsatz 2017: 52,5 Milliarden US-Dollar

  • Investitionen F&E: Mehr als 7 Milliarden US-Dollar

  • Mitarbeiter: weltweit 97.000, davon 2500 in Deutschland an den Standorten Berlin, Karlsruhe und Freiburg,

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