Bei Jagd nach Verbrechern und Mördern

"Erweiterte DNA-Analysen werden oft überschätzt"

Erweiterte DNA-Analysen können Aufschluss über Augen-, Haut- und Haarfarbe eines Täters geben. Die Polizei würde sie gerne nutzen. Doch es gibt große Risiken, warnen Forscher.

Von Susanne Kupke Veröffentlicht:

FREIBURG. Eine Initiative Freiburger Hochschulforscher warnt vor den Risiken einer erweiterten DNA-Analyse. "In einigen wenigen Fällen kann diese Methode einen Täter überführen", sagt Professorin Veronika Lipphardt. "Sie ist aber in den meisten Fällen längst nicht so zuverlässig und eindeutig wie häufig behauptet."

Vor allem Ermittler hoffen auf eine Gesetzesänderung, um Täter schneller überführen zu können. Sollte die erweiterte DNA-Analyse kommen, müsse sie umsichtig reguliert und von unabhängigen Experten kontrolliert werden, betonte Lipphardt anlässlich eines Symposiums zum Thema in Freiburg.

Überschätzte Wahrscheinlichkeit

Bisher darf aus DNA-Spuren nur das Geschlecht abgeleitet werden. Es gibt Forderungen, auch äußere Merkmale wie Augen-, Haut- und Haarfarbe zu analysieren. Aus Sicht des Landeskriminalamtes hätte man viel Zeit sparen können und keine Massentests machen müssen, wenn die Polizei bei der im Oktober in Freiburg vergewaltigten und getöteten Studentin diese Analyse hätte anwenden dürfen.

Das hält die fächerübergreifende Initiative mit Veronika Lipphardt und ihrer Schwester, der Ethnologieprofessorin und Kulturanthropologin Anna Lipphardt, an der Spitze für falsch.

Die Forscher nahmen die erweiterte Analyse unter die Lupe und kamen zu dem Schluss: "Die Wahrscheinlichkeit, mit der sich aus der DNA zutreffende Aussagen über äußere Merkmale oder über die "biogeographische Herkunft" ableiten lassen, wird überschätzt. Weder in Freiburg noch in Endingen hätten die Methoden der Polizei helfen können." Der Nachweis, aus welcher Bevölkerungsgruppe der Täter stammt, sei meist schwierig, manchmal schon die kontinentale Herkunft.

Problemfeld: Gemischte Herkünfte

"Viele Menschen haben eine kontinental gemischte Herkunft; manche wissen vielleicht gar nichts davon, weil dieser Teil der Familiengeschichte Generationen zurückliegt", sagte Forscherin Veronika Lipphardt.

Besonders schwierig sei die Bestimmung einer Herkunft aus Nahem oder Mittlerem Osten – auch deshalb, weil Referenzdaten für den nötigen Abgleich für diese Regionen besonders rar sind.

Im Freiburger Mordfall hätte eine DNA-Analyse eben nicht ergeben, dass der Tatverdächtige aus Afghanistan kommt, betonte sie. "Sie hätte allenfalls auf eine Herkunft südöstlich von Mitteleuropa verwiesen – damit wäre auch jeder türkische, griechische oder rumänische Mann verdächtig gewesen."

Die Polizei hätte also viel zu tun gehabt, wäre sie dieser "Eingrenzung" des Täterkreises gefolgt. Sehr viel aussagekräftiger ist der Wissenschaftlerin zufolge ein Profilabgleich, wie im Fall der getöteten Joggerin aus Endingen. Doch auch bei dieser Methode könne eine nicht mehr gut zu lesende DNA im Extremfall zu einer Belastung Unschuldiger führen.

Wissenschaftliche Begleitung nötig

Nicht nur wegen möglicher Fehler, sondern auch aus rechtlichen und aus Datenschutzgründen halten die Forscher es für nötig, dass erweiterte forensische DNA-Analysen von unabhängigen Gremien juristisch, ethisch und wissenschaftlich beaufsichtigt werden sollten. Auch müssten Ermittler im Umgang mit DNA-Analysen und mit statistischen Wahrscheinlichkeiten besser geschult werden.

"Die Erfahrungen aus den Niederlanden und aus Großbritannien zeigen, wann die erweiterte Erbgutanalyse hilfreich ist und wann nicht", betonte Lipphardt. Die belegten auch, wie eine solche Analyse entlastend wirken kann: In den Niederlanden wurden vor Jahren Bewohner eines Asylheims verdächtigt, ein junges Mädchen getötet zu haben. Eine erweiterte DNA-Analyse schloss diese als Täter aus. (dpa)

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Berufspolitik

Patientenströme – besser gelenkt

Kooperation | In Kooperation mit: Partnern aus Baden-Württemberg: AOK, Bosch BKK und dem MEDIVERBUND
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Mehr als ein oberflächlicher Eingriff: Die Krankenhausreform verändert auch an der Schnittstelle ambulant-stationär eine ganze Menge.

© Tobilander / stock.adobe.com

Folgen der Krankenhausreform für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte

Die Klinikreform bringt Bewegung an der Schnittstelle zwischen Praxen und Krankenhäusern

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: der Deutschen Apotheker- und Ärztbank (apoBank)
Detailansicht eines Windrades: Bringt eine ökologisch nachhaltige Geldanlage auch gute Rendite? Anleger sollten auf jeden Fall genau hinschauen.

© Himmelssturm / stock.adobe.com

Verantwortungsbewusstes Investment

„Nachhaltig – das heißt nicht, weniger Rendite bei der Geldanlage!“

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (apoBank)
Protest vor dem Bundestag: Die Aktionsgruppe „NichtGenesen“ positionierte im Juli auf dem Gelände vor dem Reichstagsgebäude Rollstühle und machte darauf aufmerksam, dass es in Deutschland über drei Millionen Menschen gebe, dievon einem Post-COVID-Syndrom oder Post-Vac betroffen sind.

© picture alliance / Panama Pictures | Christoph Hardt

Symposium in Berlin

Post-COVID: Das Rätsel für Ärzte und Forscher

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: vfa und Paul-Martini-Stiftung
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

1,1 Millionen Erwachsene befragt

COVID-19: Impfskepsis häufig doch überwindbar

Lesetipps
Ein Mann mit naßgeschwitztem Gesicht und Hemd tupft sich mit einem Tuch die Stirn ab.

© Creatas / Thinkstock

Stufenschema

Das große Schwitzen: Strukturiert gegen Hyperhidrose vorgehen