IW-Studie

Forscher finden keinen Ärztemangel

Ärztemangel - die Drohung vor krassen Versorgungslücken im Land geistert durch die deutsche Medizin. Ökonomen haben jetzt auf ihre Weise nachgerechnet - und den drohenden Mangel vergebens gesucht.

Von Florian StaeckFlorian Staeck Veröffentlicht:
Zahlenmäßig bedeutsame Fluchtbewegungen von Ärzten in andere Ländern gibt es nicht, konstatieren Forscher des Instituts der deutschen Wirtschaft.

Zahlenmäßig bedeutsame Fluchtbewegungen von Ärzten in andere Ländern gibt es nicht, konstatieren Forscher des Instituts der deutschen Wirtschaft.

© imago/imagebroker

KÖLN. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) widerspricht der Annahme, es gebe jetzt oder in den nächsten 15 Jahren einen Ärztemangel in Deutschland. Das schließe nicht aus, dass es regional oder in bestimmten Fachgruppen Engpässe geben könne.

Die Wissenschaftler haben für ihre Studie die Altersstruktur der aktiven Humanmediziner mit den nachrückenden Kohorten von Absolventen verglichen. Demnach werden bis 2015 rund 7700 Humanmediziner aus dem Erwerbleben ausscheiden.

Dokument zum Download

IW-Studie Der Arbeitsmarkt für Humanmediziner und Ärzte in Deutschland – Zuwanderung verhindert Engpässe (PDF, 17 Seiten, ca. 400 KByte)

Sie kommen dabei zu der Schlussfolgerung, dass der "demografiebedingte Ersatzbedarf an Ärzten gedeckt werden" könne, und zwar "problemlos". Dies gelte auch nach dem Jahr 2026, wenn jährlich 11.000 Mediziner ausscheiden. Grund dafür seien zum einen die durchschnittlichen Absolventenzahlen in der Humanmedizin, die bei jährlich über 10.000 liegen.

Hinzu kommt zum anderen der positive Wanderungssaldo von rund 7000 Medizinern im Jahr (Stand 2010). Anders als vielfach angenommen, kämen pro Jahr mehr Mediziner nach Deutschland, als auswandern.

Im Jahr 2010 seien hierzulande 31.000 Ärzte beschäftigt gewesen, die mit einem im Ausland erworbenen Abschluss zugewandert sind, heißt es in der Studie. Darunter seien auch viele "deutsche Numerus-clausus-Flüchtlinge". Im selben Jahr seien dagegen 24.000 in Deutschland ausgebildete Ärzte im Ausland tätig gewesen.

Volkswirtschaftlicher Zugewinn

Die IW-Autoren Dr. Vera Demary und Dr. Oliver Koppel verweisen als Beleg für ihre These auch auf Absolventenerhebungen des Hochschul-Informationssystems (HIS). Demnach seien nur rund fünf Prozent der Mediziner des Absolventenjahrgangs 1997 zehn Jahre später im Ausland tätig gewesen. Dieser Anteil liege unter den entsprechenden Quoten bei Ingenieuren oder Wirtschaftswissenschaftlern.

Zwei Drittel der Absolventen war eine Dekade später sogar noch im gleichen Bundesland ihrer Hochschule tätig, heißt es. Fazit der IW-Studie: "Der positive Wanderungssaldo von Medizinern weist daher auf insgesamt attraktive Arbeitsbedingungen in Deutschland hin".

In früheren Studien ist der volkswirtschaftliche Nettoverlust in Form von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen im Falle der Abwanderung einer 30-jährigen Ärztin über das gesamte Erwerbsleben mit 1,075 Millionen Euro angegeben worden.

Dies zum Maßstab genommen, hat Deutschland im Umfang von "mindestens fünf Milliarden Euro" durch die Zuwanderung von Ärzten in der Vergangenheit profitiert.

Fehlten regional Ärzte, so die Schlussfolgerung, sei das kein Problem der quantitativen Verfügbarkeit von Ärzten, "sondern ein Problem von deren Verteilung im Bundesgebiet".

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