Berufspolitik

Für bessere Hygiene im Krankenhaus sind Vorbilder gefragt

Die Bundesregierung macht Druck beim künftigen Hygienegesetz. Experten sehen Führungskräfte in der Pflicht, die Zahl der Infektionen in Kliniken zu verringern. Auch spezielle Hygienecoaches können dazu beitragen.

Von Ilse SchlingensiepenIlse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Händewaschen ist selbstverständlich? Eine niederländische Studie zeigt das Gegenteil.

Händewaschen ist selbstverständlich? Eine niederländische Studie zeigt das Gegenteil.

© dpa

KÖLN. Krankenhäuser werden nur dann spürbare Verbesserungen bei der Hygiene und der Infektionsprävention erreichen, wenn sie ihre Risikokultur verändern. Davon geht Dr. Tobias Möhlmann vom Beratungsunternehmen McKinsey aus.

"Eine Risiko- und Sicherheitskultur ist im Vergleich zu anderen Branchen noch nicht etabliert", sagte Möhlmann bei der MCC-Konferenz "KrankenhausHygiene 2011" in Köln.

Er verwies auf eine Untersuchung, nach der 70 Prozent der Chirurgen glauben, dass sie auch dann noch effektiv arbeiten können, wenn sie müde sind. Bei den Piloten sind es nur 26 Prozent.

97 Prozent der Piloten lehnen die Aussage ab, dass weniger erfahrene Mitarbeiter die Entscheidungen von Erfahrenen nicht in Frage stellen sollten. Bei den Chirurgen sind es deutlich weniger: 55 Prozent.

Die Einstellung der Ärzte schlage sich auch in Hygienefragen nieder. Da sei der Chefarzt, der seine Krawatte über dem Arztkittel trägt und so die Gefahr der Wundinfektion erhöht.

"Jeder sieht es, aber keiner spricht es an", sagte Mediziner Möhlmann. Das Problem betreffe auch andere Berufsgruppen. "Wenn der Chefpfleger im OP den Mundschutz unter der Nase trägt, ist zu erwarten, dass andere es auch tun werden."

Entscheidend sei, dass die Hygiene in den Kliniken als allgemeines Thema angesehen wird, das alle angeht. "Hygieniker und Vorstand müssen an einem Tisch sitzen und darüber reden."

Die Führungskräfte müssten als Vorbilder fungieren, forderte Dr. Klaus-Dieter Zastrow, Chefarzt am Vivantes Klinikum in Berlin und Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene.

"In der Hygiene haben wir ein Top-Down-Problem", sagte er. Die Regeln für die Vermeidung von Krankenhausinfektionen seien allen bekannt. "Wir müssen sie nur umsetzen."

Das aktuelle Krankenhausbarometer des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) zeige, dass die Strukturqualität bei der Hygiene gar nicht schlecht ist, sagte Dr. Karl Blum, Forschungsleiter des DKI.

Nach der Erhebung werden in allen Kliniken infizierte Kranke isoliert und in fast allen Risikopatienten systematisch gescreent.

98,8 Prozent der Häuser halten die Mitarbeiter zu häufigen Handdesinfektion an, 62,1 Prozent nehmen an der "Aktion saubere Hände" teil.

"Das Problem der Krankenhaushygiene liegt eher im Bereich der Prozessqualität", sagte Blum. So gibt es in nur 54 Prozent eine umfassende systematische Analyse der Infektionsstatistiken zu nosokomialen Infektionen und Infektionen mit multiresistenten Erregern. In 42 Prozent der Häuser werden die Analysen nur teilweise gemacht, in vier Prozent überhaupt nicht.

60 Prozent der Kliniken überprüfen die Wirksamkeit von Verbesserungsmaßnahmen zur Infektionsprävention häufig. 35 Prozent tun das nur manchmal und fünf Prozent selten oder nie. "Systematische Verbesserungszyklen sind leider noch nicht umfassend und vollständig implementiert", sagte Blum.

Der Leiter des AQUA-Instituts Professor Joachim Szecsenyi berichtete über eine neue Untersuchung aus den Niederlanden. Die Studie "Helping Hands" ist noch nicht veröffentlicht, erste Ergebnisse wurden aber im September 2010 vorgestellt.

In die randomisierte, kontrollierte, zweiarmige Studie waren 67 Abteilungen aus drei Kliniken einbezogen. In zwei Gruppen wurden verschiedene Interventionsmaßnahmen zur Handdesinfektion implementiert, bei der zweiten kamen noch Faktoren wie sozialer Einfluss und das spezielle Coaching der Teamleiter hinzu, die als Vorbilder fungierten.

Die niederländischen Wissenschaftler haben 3500 Handlungen analysiert, die eine Handdesinfektion erfordern. Vor der Intervention lag die Desinfektionsrate in beiden Gruppen bei rund 20 Prozent.

Kurz danach waren es 41 Prozent in der ersten und 53 Prozent in der zweiten Gruppe. Nach einer Zeit hatte sich der Effekt auf 45 Prozent und 53 Prozent verfestigt.

"Es wurde mehr als eine Verdoppelung erreicht - aber es sind immer noch nur 50 Prozent", sagte Szecsenyi. Verbesserungen in der Hygiene seien eine ständige Herausforderung und ein ständiger Prozess.

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