Digitalisierung

GKV-Spibu fordert „Modernisierungsschub in Praxen“

Für immer mehr Menschen gehört Digitalisierung längst zum Alltag. Doch im Gesundheitswesen stockt die Entwicklung hier und da. Zu sehr, finden die Krankenkassen.

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Berlin. Verbraucherschützer und die gesetzlichen Krankenkassen haben mehr digitale Angebote durch Ärzte gefordert. „Wir brauchen einen Modernisierungsschub in den Arztpraxen“, sagte Stefanie Stoff-Ahnis, Vorstand des GKV-Spitzenverbands, der Nachrichtenagentur dpa.

Das sei wichtig, um die Chancen der Digitalisierung für die Verbesserung der Patientenversorgung nutzen zu können. In den vergangenen Jahrzehnten habe sich die Lebenswirklichkeit für viele Menschen gewandelt: „Sie kaufen online ein, arbeiten mobil, und 24/7 ist vielfach selbstverständlicher Servicestandard geworden.“

Um in diesem Umfeld gestiegenen Anforderungen gerecht werden zu können, sei die Digitalisierung für die Ärzte eine Chance und kein Risiko.

Videosprechstunden „betrachten die Ärzte derzeit eher als eine Zusatzleistung“, sagte Stoff-Ahnis. Dabei seien Videotelefonie-Dienste längst selbstverständlich.

Ihre Erwartung sei, dass in fünf Jahren jede fünfte Behandlung per Videosprechstunde erfolge. „So manche Eltern wären froh, wenn sie mit ihrem Kind, das Brechdurchfall hat, nicht direkt in die Arztpraxis müssten, sondern sich per Video mit dem Arzt austauschen könnten.“

Auch KBV-Chef findet digitalen Terminservice gut

Teils ist man schon nicht mehr auf Telefonzeiten oder Anrufbeantworter angewiesen, wenn es um Termine in Praxen geht. Das sei ein modernes und patientenfreundliches Angebot, sagte der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv), Klaus Müller, der dpa.

Nicht alle wollten sich aber durch digitale Kalender klicken. „Darum kommt es auf die Kombination an.“ Es sei praktisch, wenn Patienten Termine abends nach der Arbeit online buchen könnten, sagte auch der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Andreas Gassen, der dpa. „Solche Services bieten Praxen sicherlich gerne an, sie müssen aber auch technisch funktionieren.“

„Digitale Benachrichtigungen können auch beim Warten in der Praxis helfen, wenn Patienten eine Zeit lang rausgehen können“, sagte Gassen.

Zu Wartezeiten könne es aber immer kommen: „Wenn etwa beim Hausarzt der eine mit Schnupfen kommt, der andere ein Folgerezept will, und der nächste etwas Komplexes hat. Das ist nicht vorher zu planen.“

Wartezeiten sollten aber in einem vernünftigen Verhältnis bleiben. „Keiner beschwert sich, dass er nach fünf Minuten aus der Praxis geht, wenn er vorher zehn Minuten im Wartezimmer saß. Aber zwei Stunden auf drei Minuten Arzt zu warten, ist blöd.“

Bei weiteren digitalen Angeboten kommt es generell auch auf eine funktionierende Technik, Haftungsfragen und hohen Datenschutz an. „Das Tempo ist ja nicht so schlecht“, sagte Gassen. Die meisten Praxen seien inzwischen an die Telematikinfrastruktur (TI) angeschlossen.

Arzt-Patienten-Gespräch soll „Herzstück“ bleiben

Ärzte nähmen den Schutz von Gesundheitsdaten sehr ernst, und Patienten wüssten das auch. „Es ist nachvollziehbar, dass kein Arzt dieses Vertrauen leichtfertig aufs Spiel setzen will mit technischen Lösungen, die er vielleicht in ihrer Datenschutztragweite nicht durchschauen kann.“

Verbraucherschützer Müller sagte, immer mehr Patienten wollten auch digitale Gesundheitsleistungen nutzen. Es sei auch sinnvoll, wenn Informationen auf einer E-Patientenakte zum Beispiel dabei helfen, mehrfaches Röntgen zu vermeiden. „Solange niemand an die Daten kommt, der das nicht darf, ist das ein Weg für eine moderne Medizin.“

Die Kassen betonen grundsätzlich, das Gespräch zwischen Arzt und Patient sei ein Herzstück der Versorgung. „Wenn wir hier mit moderner Technik Entfernungen überwinden können, kann vielen Menschen geholfen werden“, sagte GKV-Vorstand Stoff-Ahnis. Dabei sind die Kassenärzte optimistisch, dass attraktivere Angebote etwa der elektronischen Gesundheitskarte noch Zugkraft entwickeln.

„Bisher gibt es nur eine einzige Funktion des Systems, das Abgleichen der Versichertendaten“, sagte Gassen. „Das ist ja noch keine spektakuläre Neuerung im Gesundheitswesen. Es muss plausibel sein, dass digitale Angebote für die Patienten und die Versorgung konkret etwas bringen.“ (dpa)

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