AOK-Report

"Gehirndoping" bei der Arbeit nimmt zu

Arbeiten auf Speed - für immer mehr Berufstätige trifft das zu. Die Folge: Die Zahl der Arbeitsausfälle aufgrund des Missbrauchs von Amphetaminen ist laut einem AOK-Report innerhalb von zehn Jahren um 400 Prozent gestiegen. Doch die illegalen Drogen stellen nicht das größte Problem dar.

Von Anno FrickeAnno Fricke Veröffentlicht:
Mit Alkohol und Pillen intus gehen viele in die Arbeit.

Mit Alkohol und Pillen intus gehen viele in die Arbeit.

© lacamerachiara / fotolia.com

BERLIN. Die Arbeitsverdichtung in den Unternehmen, die Forderungen nach Mobilität und ständiger Verfügbarkeit senken die Hemmschwelle, zu leistungssteigernden Drogen zu greifen.

Dies geht aus dem Fehlzeitenreport hervor, den das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) am Donnerstag in Berlin vorgestellt hat.

Die Dynamik der Entwicklung ist enorm. Um rund 400 Prozent von 8100 auf 30.000 ist die Zahl der Fehltage aufgrund des Gebrauchs von stimulierenden Drogen seit dem Jahr 2002 gestiegen.

Die Dunkelziffer der Amphetamin-, Ritalin- und Modafinil-Konsumenten am Arbeitsplatz schätzen die Wissenschaftler hoch.

Eine WIdO-Umfrage habe ergeben, dass fünf Prozent der Arbeitnehmer in den vergangenen zwölf Monaten leistungssteigernde Mittel genommen hätten. Bei den unter 30-Jährigen treffe dies auf jeden zwölften zu sagte WIdO-Vize Helmut Schröder.

Insgesamt 460 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage gezählt

Absolut gesehen ist der Arbeitsausfall aufgrund von Amphetaminen und Co. noch gering. Wegen Alkohol und Zigaretten haben die Arbeitnehmer im vergangenen Jahr 2,4 Millionen Tage gefehlt.

Alle Krankheiten zusammengenommen gab es mehr als 460 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage, 153 Millionen davon bei den AOK-Versicherten.

Die Ortskrankenkassen hätten ihren Report "Verdammt zum Erfolg - die süchtige Arbeitsgesellschaft" überschrieben, um früh die Alarmlampen flackern zu lassen, sagte Uwe Deh, Vorstand des AOK-Bundesverbands.

"Noch haben wir die Chance, den Trend zum Gehirndoping früh aufzugreifen." Suchtmittel am Arbeitsplatz kommen die Gesellschaft teuer zu stehen. Deh bezifferte die Folgen gesamtwirtschaftlichen Kosten von Alkohol- und Tabaksucht für die deutsche Wirtschaft auf über 60 Milliarden Euro jährlich.

Mit einem Anteil von 23 Prozent führen Muskel- und Skelettkrankheiten die Ursachenliste für Fehltage der elf Millionen AOK-Versicherten an. Arbeitsunfälle und Atemwegserkrankungen folgen mit je gut elf Prozent, psychische Krankheiten auf Platz vier.

Die mittlere Fehlzeit je Krankschreibung lag bei Suchterkrankten bei 92, bei allen anderen Diagnosen bei 31 Tagen, geht aus dem Report hervor.

Lesen Sie dazu auch: Sucht: Ein unterschätztes Problem der Ärzteschaft

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Dipl.-Psych. Jörg Dreher

Besser Ritalin von der Kasse statt illegales Amphetamin !

In meiner psychologischen Praxis mit dem Schwerpupnkt ADHS im Erwachsenenalter habe ich schon die Erfahrung gemacht, dass
bisher nicht-diagnostizierte ADHS-patienten sich mit Amphetaminen aus der Disco, im Sinne einer Selbstmedikation, versorgt haben. Nach der Diagnose und der Einstellung auf Methylphenidat war dann das illegale Amphetamin nicht mehr nötig. Die Probleme am Arbeitsplatz aufgrund der Konzentrationsprobleme haben sich dann auch deutlich gebessert und die Ausbildung wurde dann erfolgreich abgeschlossen. Also manche von den illegal Stimulanzien konsumierenden Arbeitnehmern können einfach un-diagnostizierte ADHSler sein.
Wie die Forschungen von Klaus Lieb an der UNI Mainz ergaben, wirken Stimulanzien bei Nicht-ADHSler fast überhaupt nicht auf die Konzentration, liegen von der Wirkung in der Nähe des Placeboeffektes.

Meine Erfahrungen in der Behandlung von erwachsenen ADHSlern habe ich in einem Brief an die BPTK zusammengefasst:
http://bbpp.de/ADHS/ADHS-Joerg-Dreher-2.pdf


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