Hintergrund

Gewalt gegen Alte: Täter oft Opfer der Überforderung

Gewalt gegen alte Menschen ist noch immer ein Tabuthema. Doch das Phänomen ist weiter verbreitet als angenommen. In der häuslichen Pflege spielen sich Grausamkeiten buchstäblich hinter verschlossenen Türen ab. Oft auch auf Gegenseitigkeit.

Von Angela MisslbeckAngela Misslbeck Veröffentlicht: 08.06.2011, 14:50 Uhr
Täter und Opfer: Wenn pflegende Angehörige handgreiflich werden, liegt dies offenbar an der fehlenden Unterstützung.

Täter und Opfer: Wenn pflegende Angehörige handgreiflich werden, liegt dies offenbar an der fehlenden Unterstützung.

© Yuri Arcurs / fotolia.com

Sie lag in der Eingangstür und hat gewimmert. Es war ein heißer Sommer. Die Fenster der Wohnung von Frau Schmidt standen offen. "Mach endlich dein Maul auf, sonst schlag ich dir das Essen rein", schreit der Sohn seine pflegebedürftige Mutter an. Die Nachbarn hören Schläge. Nicht zum ersten Mal. Die alte Frau wimmert. Nicht zum ersten Mal. Die Nachbarn rufen die Feuerwehr. Frau Schmidt kommt ins Krankenhaus.

Die Nachbarn haben auch beim Berliner Krisendienst "Pflege in Not" angerufen, einem von bundesweit gerade einmal 17 Krisentelefonen bei Gewalt und Misshandlung gegen ältere Menschen. Es war der schlimmste Fall, den Gabriele Tammen-Parr in den zwölf Jahren seit Bestehen des Notrufs erlebt hat, wie sie berichtet. Aber es war auch ein Fall, in dem sie besonders viel helfen konnte.

Bei Demenz ist jeder Zweite Gewalt ausgesetzt

Die Sozialpädagogin und Mediatorin besuchte die alte Frau im Krankenhaus, redete lange mit ihr, bevor Frau Schmidt zugab, dass ihr Sohn sie geschlagen hat. "Im Gespräch wurde klar, dass diese Frau sich für ihren Sohn schämt", sagt Tammen-Parr, die wie die anderen beiden Hauptamtlichen bei "Pflege in Not" in Gesprächsführung geschult ist.

Gemeinsam mit der Mittsiebzigerin hat sie noch im Krankenhaus beschlossen, dass die alte Dame nicht wieder in die bedrohte Umgebung nach Hause geht. Nun ist sie in einem Pflegeheim gut versorgt.

Frau Schmidt ist kein Einzelfall. Ein Glücksfall jedoch ist, dass ihr geholfen wurde. "Gewalt gegen alte Menschen ist weltweit ein soziales, gesundheitliches und ökonomisches Problem, das nicht länger vernachlässigt werden darf", sagt der Gerontopsychiater Professor Dr. Rolf Hirsch, der in Bonn die ehrenamtliche Initiative "Handeln statt Misshandeln" leitet. Seinen Angaben zufolge sind fünf bis zehn Prozent der älteren Pflegebedürftigen daheim, bis zu 20 Prozent in Pflegeheimen und mindestens jeder Zweite mit Demenz Gewalt ausgesetzt.

In einer Studie berichteten mehr als die Hälfte der pflegenden Angehörigen, dass sie binnen eines Jahres selbst gegenüber Pflegebedürftigen gewalttätig wurden, wie die Bundesarbeitsgemeinschaft der Krisentelefone, Beratungs- und Beschwerdestellen für alte Menschen in Deutschland (BAG) mitteilt.

Die BAG fordert deshalb, dass wenigstens jede größere Kommune eine Anlaufstelle für Betroffene von Gewalt im Alter vorhält. Hirsch kann sich dafür eine Mischfinanzierung von Kommunen, Wohlfahrtsorganisationen und ehrenamtlicher Beteiligung vorstellen.

Konkret: Was kann der Hausarzt tun?

"Der Hausarzt ist das größte Risiko, aber auch die größte Chance für die Gesundheit alter Menschen", sagt der Gerontopsychiater Professor Rolf Hirsch.

Ärzte sollten ihre älteren Patienten in Ruhe anhören und Berichte über Gewalttaten nicht bagatellisieren, sondern ernst nehmen, empfiehlt Hirsch. Er verweist auf den Leitfaden "Häusliche Gewalt" der Ärztekammern. Hirsch rät seinen Kollegen auch zu Vorsicht mit gut gemeinten Ratschlägen und empfiehlt, bei Hinweisen auf Gewalt die Krisentelefone einzuschalten.

Die Ärzte können dort direkt anrufen. "Das passiert extrem selten", kritisiert Hirsch. Eine Alternative sei es, die Patienten auf die Krisentelefone hinzuweisen. Jede der bundesweit 17 Einrichtungen hat Flyer, die Ärzte in ihren Praxen auslegen oder ihren Patienten bei Bedarf geben können.

www.muenchen.de/beschwerdestelle-altenpflege www.hsm-bonn.de www.pflege-in-not-berlin.de

"Im Grunde ist es ein Hohn, dass es so wenig Angebote gibt", sagt Tammen-Parr. Es gehe nicht nur darum, Beschwerden zu bearbeiten, sondern auch um die Unterstützung der pflegenden Angehörigen. Auf ihre Arbeit könne die Gesellschaft nicht verzichten. Deshalb sei auch mehr Aufmerksamkeit der Politik für dieses Thema gefordert. "Wir haben Anrufe aus der ganzen Bundesrepublik. Der Bedarf ist riesig und Deutschland ist absolut unterversorgt."

Die Anruferinnen bei "Pflege in Not" sind zu 80 Prozent Frauen, Töchter oder Ehefrauen, die Angehörige pflegen. "Die Täterinnen selbst rufen bei uns an", sagt Tammen-Parr und weist gleich darauf hin, dass der Täterbegriff hier nicht funktioniert. Tammen-Parr: "Die meisten sind beides, Täter und Opfer." Opfer einer Pflegesituation, die unerträglich geworden ist, und manchmal auch selbst Opfer von Gewalt, etwa wenn die Pflegeperson demenzkrank ist.

Der Zündstoff liegt in der Familiengeschichte

Zu den Risikofaktoren für Gewalt in der häuslichen Pflege zählt neben einer angespannten Finanzsituation vor allem die Vorbeziehung zwischen Pflegender und Gepflegtem, wie Studien der Polizeihochschule Münster ergeben haben. Tammen-Parr bestätigt das aus der Praxis: "Der eigentliche Zündstoff für Konflikte in der häuslichen Pflege liegt in der Familiengeschichte", sagt die Sozialpädagogin. Hinzu kommt nach ihrer Erfahrung die emotionale Belastung. Zudem steige das Risiko für Entgleisungen mit der Pflegedauer.

Alte Menschen sind aber nicht nur in Pflegesituationen Gewalt ausgesetzt. Mehr als die Hälfte aller Menschen über 60 werden laut BAG Opfer von Vermögens-, Gewalt- oder Sexualstraftaten. "Gewalt hat viele Gesichter, und die größte Grausamkeit ist die Gleichgültigkeit", sagt der Gerontopsychiater Hirsch.

Seiner Auffassung nach kann sich die alternde deutsche Gesellschaft diese Gleichgültigkeit gegenüber Gewalt im Alter nicht mehr leisten.

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