Thüringen

Immer mehr Fehltage wegen psychischer Leiden

In Thüringen bleiben immer mehr Erwerbstätige wegen psychischer Störungen der Arbeit fern. Damit liegt der Freistaat deutlich über dem Bundesdurchschnitt.

Von Robert Büssow Veröffentlicht:
Von der Arbeit ausgelaugt - an psychischen Störungen wie Burn-out oder Depression leiden Frauen in Thüringen fast doppelt so häufig wie Männer.

Von der Arbeit ausgelaugt - an psychischen Störungen wie Burn-out oder Depression leiden Frauen in Thüringen fast doppelt so häufig wie Männer.

© Diego Cervo / iStockphoto

ERFURT. In Thüringen nehmen Krankschreibungen wegen seelischer Leiden weiter stark zu: Die Zahl der Fehltage hat sich in den letzten zwölf Jahren mit einem Plus von 131 Prozent mehr als verdoppelt, teilte die DAK Gesundheit mit. Damit liege Thüringen weit über dem Bundesdurchschnitt (plus 85 Prozent).

Unter 100 Beschäftigten habe die Zahl der Fehltage inzwischen einen Rekordstand von 193 Tagen im Jahr erreicht. Ein wesentlicher Grund für die Zunahme sei, dass Betroffene und Ärzte inzwischen mit seelischen Leiden anders umgehen.

"Viele Arbeitnehmer werden heute mit einem psychischen Problem krankgeschrieben, während sie früher beispielsweise mit der Diagnose chronische Rückenschmerzen arbeitsunfähig gewesen wären", sagte Steffi Steinecke, Landeschefin der DAK Gesundheit.

Während sich 1997 bundesweit nur jeder 50. Erwerbstätige wegen eines psychischen Leidens krankmeldete, ist es heute bereits jeder 22. Beschäftigte. Frauen waren fast doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Burn-out ist kein Massenphänomen

Neu hinzugekommen ist Burn-out, das Gefühl des Ausgebranntseins - allerdings sei dies weitaus seltener als die häufige Berichterstattung suggeriere. Im vergangenen Jahr haben die Ärzte in Thüringen nur bei etwa jedem 880. Mann und jeder 360. Frau ein Burn-out auf der Krankschreibung notiert.

"Es gibt offensichtlich kein Massenphänomen Burn-out", so Steinecke. "Burn-out ist eine Art Risikozustand und keine Krankheit."

Die Diagnose Depression trete beispielsweise acht Mal häufiger auf. Allerdings sei Burn-out als Begriff positiver besetzt und sozial akzeptierter als eine Depression.

In der öffentlichen Wahrnehmung würden Menschen mit Burn-out meist als sehr engagierte Arbeiter angesehen, wodurch sie "ausgebrannt" seien, erklärte Steinecke.

Der positive Nebeneffekt: Arbeitnehmer sprechen beim Arzt häufig leichter über psychische Beschwerden als früher.

Als Grund für ein Burn-out gilt die zunehmende Vermischung von Privat- und Berufsleben. Laut DAK sind berufliche Telefonate außerhalb der Arbeitszeit allerdings sehr viel weniger verbreitet als vermutet.

In Thüringen haben einer Umfrage zufolge zwar 92 Prozent der Teilnehmer ihre Telefonnummer beim Arbeitgeber hinterlegt. Aber 40 Prozent der Beschäftigten werden demnach nie von Kollegen oder Vorgesetzten außerhalb der Arbeitszeit angerufen, jeder Dritte gelegentlich.

Nach Feierabend kaum Dienst-Mails

Bei dienstlichen E-Mails verhalte es sich ähnlich: 57 Prozent der Befragten bekommen nach Feierabend nie oder fast nie dienstliche E-Mails.

Als alarmierend bezeichnete die Krankenkasse allerdings, dass schon ein mittleres Ausmaß an Erreichbarkeit nach Feierabend mit einem erhöhten Risiko verbunden sei, an einer psychischen Störung zu erkranken.

Noch höher sei das Gesundheitsrisiko für ständig erreichbare Mitarbeiter: Jeder Vierte von ihnen leide an einer Depression. Steinecke: "Für diese kleine Gruppe hat der Wegfall der Grenze zwischen Beruf und Privatleben einen hohen Preis."

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