Kampagne „Deutschland erkennt Sepsis“ gestartet

Jedes Jahr wären bis zu 20.000 Sepsis-Todesfälle vermeidbar

Eine Blutvergiftung ist ein lebensbedrohlicher Notfall, wird in Kliniken und Praxen aber oft nicht erkannt, kritisiert ein Bündnis aus Ärzten, Krankenkassen und Patientenvertretern. Eine breit angelegte Info-Kampagne will Abhilfe schaffen.

Von Thomas HommelThomas Hommel Veröffentlicht:
Mit Hilfe der Blutkultur wird versucht, die Erreger zu finden und zu identifizieren.

Mit Hilfe der Blutkultur wird versucht, die Erreger zu finden und zu identifizieren.

© Patchara / stock.adobe.com

Berlin. Ärzte, Krankenkassen und Patientenvertreter haben größere Anstrengungen im Kampf gegen Sepsis angemahnt. In Deutschland erlitten jährlich rund 300.000 Menschen eine Sepsis – 75.000 verstürben. Mit gezielter Früherkennung und besserem Hygieneschutz ließen sich bis zu 20.000 Todesfälle sowie Spätfolgen wie Amputationen vermeiden, hieß es zum Start der Kampagne „Deutschland erkennt Sepsis“ am Dienstag in Berlin.

Die Kampagne wird vom Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS), der Sepsis-Stiftung, dem Projekt Sepsisdialog an der Universitätsmedizin Greifswald und der Deutschen Sepsis-Hilfe getragen. Schirmherrin ist die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Claudia Schmidtke (CDU).

Nachholbedarf auch bei Ärzten

„Jeder Hausarzt muss die Frühzeichen einer Sepsis erkennen – hier gibt es großen Nachholbedarf“, sagte der Vorstandschef der Sepsis-Stiftung, Professor Konrad Reinhart. Gemeinsam mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) habe die Stiftung bereits vor zwei Jahren Materialien bereitgestellt, um Ärzte und Praxisteams für das Thema zu sensibilisieren. „Es bessert sich etwas.“

Im Krankenhaus wiederum müsse Sepsis zum Qualitätsindikator werden, forderte Reinhart. Der Gemeinsame Bundesausschuss habe ein entsprechendes Verfahren beauftragt. Dessen Einführung habe im US-Bundesstaat New York weniger als ein Jahr gebraucht. Die durchschnittliche Dauer dafür in Deutschland liege zwischen sieben und acht Jahren. „Das können wir uns nicht leisten.“

Grundsätzlich werde die Dimension der Sepsis unterschätzt, so Reinhardt. Weltweit zähle man rund elf Millionen Sepsistote und damit jährlich knapp 1,5 Millionen Todesfälle mehr als bei Krebs. Gleichwohl seien Kenntnisse und Aktivitäten zu Krebsleiden viel größer. Reinhardt sprach von einer „Missrelation“, die man auch durch eine Info-Kampagne wie der jetzt gestarteten angehen wolle.

Der Leiter des Sepsisdialogs an der Universitätsmedizin Greifswald, Dr. Matthias Gründling, forderte eine regelmäßige Sepsis-Schulung von Ärzten, Fachpersonal und Pflegekräften. Im Krankenhausbereich seien Standards zu etablieren, um eine Sepsis frühzeitig zu erkennen. Auch regelmäßiges Screening von Risikopatienten in der Notaufnahme sei hilfreich. In Greifswald hielten Ärzte eine Blutkulturdiagnostik vor, deren Abläufe auf den zeitkritischen Ablauf einer Sepsis abgestimmt seien. Das müsse Standard in allen Klinken werden.

Regelmäßiges Screening nötig

Problem sei, dass die Symptome einer Sepsis oft sehr unspezifisch seien, so Gründling. Der Patient könne verwirrt oder schläfrig sein, schnellen Herzschlag oder schnelle Atmung haben. Umso wichtiger sei es daher, bei solchen Symptomen „die Sepsis mit auf dem Zettel zu haben und danach zu schauen und zu screenen“. Hierfür gebe es Kriterien und Scores.

„Es besteht kein Zweifel, dass etwas geschehen muss“, betonte APS-Vorsitzende Dr. Ruth Hecker. Andere Länder seien beim Kampf gegen die Sepsis auch deshalb erfolgreicher, weil sie seit Jahren breit über das Thema informierten. Mit der jetzt gestarteten Aufklärungskampagne fülle man diese Lücke in Deutschland. Sepsis entstehe meist nicht im Krankenhaus, sondern in ganz alltäglichen Lebenssituationen. „Deswegen sollte jeder in der Lage sein, kritische Zeichen zu erkennen“, appellierte Hecker.

Die Chefin des Verbandes der Ersatzkassen, Ulrike Elsner, wies darauf hin, dass etwa ein Drittel der Überlebenden einer Sepsis danach pflegebedürftig sei. Auch das sei eine „bedrückend hohe“ Zahl, die zeige, wie dringend etwas getan werden müsse. Würden Sepsisfälle früher erkannt, ließe sich nicht nur viel persönliches Leid vermeiden. Auch unnötige Kosten für teure Folgebehandlungen entfielen.

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