Gesundheits-Irrtümer

Junge Erwachsene haben keinen Plan von Gesundheit

Jeder Dritte denkt, dass Antibiotika gegen Viren helfen und jeder Vierte, dass es die Praxisgebühr noch gibt: Eine repräsentative Umfrage offenbart zum Teil große Wissensdefizite bei Gesundheitsthemen. Brauchen Schüler ein Fach Gesundheit?

Von Dirk SchnackDirk Schnack Veröffentlicht: 17.11.2017, 05:53 Uhr
Bei einer repräsentativen Online-Umfrage haben sich 80 Prozent der 18 - 24 Jährigen für ein Schulfach Gesundheit ausgesprochen.

Bei einer repräsentativen Online-Umfrage haben sich 80 Prozent der 18 - 24 Jährigen für ein Schulfach Gesundheit ausgesprochen.

© Jovanmandic/Getty Images/iStockphoto

HAMBURG. Die Gesundheitskompetenz junger Deutscher ist schwach – was diese aber selbst nicht ahnen. Die Ergebnisse einer repräsentativen Online-Befragung führen nun zur Diskussion über ein Unterrichtsfach Gesundheit an den Schulen.

Public Health-Professor Klaus Hurrelmann, der aus Medien bekannte Arzt Dr. Johannes Wimmer und Vertreter der Arzneimittelfirma Stada traten in einer Pressekonferenz in Hamburg für ein Unterrichtsfach Gesundheit ein.

Grund für ihre Forderung sind die Ergebnisse des in Hamburg vorgestellten Stada Gesundheitsreports, für den 2000 junge Menschen im Alter zwischen 18 und 24 Jahren zu Gesundheitsthemen befragt wurden. Danach muss 49 Prozent dieser Altersgruppe eine problematische, 17 Prozent sogar eine inadäquate Gesundheitskompetenz bescheinigt werden.

Allerdings halten 86 Prozent der Befragten ihr Gesundheitswissen für gut oder sehr gut. Ermittelt wurde das Ergebnis über 16 Fragen auf Basis der Kurzform des EU-weit standardisierten, validierten Health Literacy Survey.

Wird Angina durch Sex übertragen?

Einzelne Beispiele aus der Befragung zeigen, wie gering das Wissen zum Teil ist:

Sex: 85 Prozent wissen nicht, dass sowohl HIV als auch Syphilis und HPV durch ungeschützten Sex übertragbar ist. Nur 49 Prozent der Männer und 59 Prozent der Frauen gaben an, immer ein Kondom zu benutzen, wenn sie mit einem neuen Partner intim werden. Fünf Prozent glauben, dass eine Angina durch Sex übertragen wird.

Antibiotika: 38 Prozent können mit dem Begriff Antibiotikaresistenz nichts anfangen. 36 Prozent glauben, dass Antibiotika gegen Viren helfen. 13 Prozent beenden Antibiotikabehandlungen zu früh.

Gesundheitssystem: 62 Prozent der Befragten war nicht klar, dass sich Krankenkassen auch aus den Beiträgen ihrer Versicherten finanzieren. 25 Prozent glauben, dass es die Praxisgebühr noch gibt. 35 Prozent wissen nicht, dass Hausärzte von den Kassen pro Patient bezahlt werden. 13 Prozent meinen, bei ambulanten Behandlungen werde man stets von einem Notarzt gefahren.

Fachärzte: 30 Prozent wissen nicht, dass ein Gynäkologe hauptsächlich Frauen behandelt. 18 Prozent halten einen Orthopäden auch bei Organschäden für den richtigen Ansprechpartner und 31 Prozent denken irrtümlich, dass nur Männer zum Urologen gehen dürfen.

Ein anderes Ergebnis dagegen stimmt Hurrelmann und Wimmer optimistisch: 80 Prozent der Befragten wünschen sich ein Unterrichtsfach Gesundheit an der Schule. Hurrelmann interpretiert diesen Wert als "latent vorhandene Sensibilität" für das Thema Gesundheit. Diese sieht er auch bei jungen Männern, obwohl sie in der Befragung durchgängig schlechter abgeschnitten haben als ihre weiblichen Altersgenossen.

Wunsch nach eigenem Schulfach

13%

der Befragten glauben, bei ambulanten Behandlungen werde man stets von einem Notarzt gefahren.

Hurrelmann kann sich aber vorstellen, dass über den ungebrochenen Fitnesstrend und das gestiegene Modebewusstsein ein Einstieg in das Thema auch für junge Männer möglich ist. Als Wunschthemen in der Schule gelten jungen Menschen gesunde Ernährung, erste Hilfe und Prävention.

69 Prozent der Befragten gaben an, dass Gesundheitsthemen im Unterricht nur eine geringe oder gar keine Rolle gespielt haben. 27 Prozent haben nach eigenen Angaben in der Schule etwas über Volkskrankheiten gelernt, 21 Prozent über Prävention und 13 Prozent allgemein etwas über das Gesundheitssystem.

Unstrittig ist für Hurrelmann und Wimmer, dass Handlungsbedarf besteht. Denn die Defizite reichen deutlich über Wissenslücken hinaus. "Menschen verlieren ihr Körpergefühl und können nicht mehr artikulieren, was ihnen fehlt", hat Wimmer beobachtet – dies gelte nicht nur, aber in stärkerem Maße für junge Menschen.

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