"Heuchelei und Wendehals"

KV-Vize greift Baas frontal an

Nach dem Geständnis von TK-Chef Baas zu Kodiermanipulationen gießt KVWL-Vorstand Gerhard Nordmann Öl ins Upcoding-Feuer: Die TK habe Ärzten als erstes "Hilfe bei der korrekten Kodierung" angeboten. An Baas lässt er kein gutes Haar.

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Im Streit um Upcoding geht ein KV-Funktionär TK-Chef Baas harsch an.

Im Streit um Upcoding geht ein KV-Funktionär TK-Chef Baas harsch an.

© SPA/ dpa

DORTMUND. Die Kritik von Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse (TK), am sogenannten Upcoding durch die Kassen zieht auch zwei Monate nach ihrer Äußerung Ärger nach sich.

Für Dr. Gerhard Nordmann, Vize-Vorsitzender der KV Westfalen-Lippe (KVWL), ist Baas' Kritik vor allem ein Ausdruck von Heuchelei. Der TK-Chef sei ein "Wendehals", sagte Nordmann auf der KVWL-Vertreterversammlung. "Gerade wenn es um viel Geld geht, wird manch einer schnell mal vom Saulus zum Paulus."

Mit dem Vorwurf, die Kassen würden versuchen, zum eigenen finanziellen Vorteil die Diagnosen kranker Versicherter zu manipulieren, habe Baas der Kassenkonkurrenz in die Hacken getreten und sich selbst als letzten aufrechten und ehrlichen Manager inszeniert, der leider gezwungen sei, beim bösen Spiel der anderen mitzumachen.

Angesichts dieses Mutes, dieser Transparenz und Ehrlichkeit kämen ihm heute noch Tränen der Rührung, ätzte Nordmann. "Wenn ich mich recht erinnere, war es die TK, deren Mitarbeiter als erste an den Türen von Praxen klingelten und Hilfe bei der korrekten Kodierung von TK-Versicherten anboten."

Missgunst des TK-Chefs?

Ärgerlicherweise seien dann andere Kassen auch auf den Trichter gekommen – vor allem jene, die kränkere Versicherte haben "als die hippe Jung- und Gutverdiener-TK". Ihnen gönne Baas die so gewonnenen Mittel nicht.

Der Ärger nach Baas' Äußerung habe aber nicht nur die Kassen und ihre Kodierberater getroffen, sondern auch die Ärzte, betonte Nordmann. Das geforderte und notwendige Right-Coding erscheine jetzt als Krankfärberei der Versicherten.

Bei der Aufregung rund um den Risikostrukturausgleich und den Versuchen der Kassen, sich gegenseitig zu übervorteilen, ärgert ihn am meisten die Absicht der Kassenmanager, die Ärzte zu Handlangern ihrer Ambitionen zu machen. "Darauf werden wir uns nicht einlassen."

Die Ärzte sollten und müssten die Krankheit und ihren Schweregrad korrekt kodieren. "Aber ein deutliches Nein zu dem Anschein, dabei würden uns Kassenmitarbeiter den Stift führen", sagte Nordmann. "Wir beteiligen uns nicht an offensichtlichen Manipulationen."

Aufsicht will Konsequenzen ziehen

Die Aufsichtsbehörden haben mittlerweile eine klare Ansage verlauten lassen. Nach einer Arbeitstagung vor zwei Wochen kündigte die Aufsicht der Sozialversicherungen von Bund und Ländern an, es seien rechtliche Rahmenbedingungen abgesteckt und Maßnahmen für rechtliche Schritte bei Manipulationen von Leistungsabrechnungen beschlossen worden.

Es gehe darum, unzulässige Beeinflussungen der ärztlichen Diagnose zu verhindern, teilte das bayerische Gesundheitsministerium mit. (iss/jk)

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