Hintergrund

Kein empirischer Nachweis für den Ärztemangel

Medizinstudenten wollen nicht mehr Arzt werden? Einen statistischen Beweis dafür sieht der Medizinische Fakultätentag nicht.

Von Anno FrickeAnno Fricke Veröffentlicht:
Keine Lust auf Arzt? Nach Ansicht von Dr. Volker Hildebrandt ist diese Behauptung schlicht falsch.

Keine Lust auf Arzt? Nach Ansicht von Dr. Volker Hildebrandt ist diese Behauptung schlicht falsch.

© Steinach / imago

BERLIN. Die von großen Medien immer wieder verbreitete Behauptung, dass nahezu jeder zweite Medizinstudent nicht mehr Arzt werde, sei falsch, sagte Dr. Volker Hildebrandt beim Herbstforum der deutschen Hochschulmedizin.

Im Gegenteil: Es gebe keinen empirischen Nachweis für einen bestehenden beziehungsweise bevorstehenden Ärztemangel, sagte der Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages. Die Absolventenzahlen an den Hochschulen lägen seit mehr als einem Jahrzehnt konstant bei etwa 9000 Jungmedizinern im Jahr. Von dem unterstellten Schwund sei nur ein gutes Drittel nachweisbar.

Von den 11 660 Studienanfängern des Jahres 1997 sollen zwölf Semester später gerade einmal 6802 den weißen Arztkittel übergezogen haben. Das sind Zahlen, die die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Bundesärztekammer vorgelegt hatten.

Hildebrandt kann diese Zahlen allerdings nicht nachvollziehen. Seinen Recherchen zufolge hätten damals lediglich 10 769 junge Menschen das Medizinstudium aufgenommen, von denen immerhin 8902 das Staatsexamen abgelegt hätten. Heute beendeten mehr als 90 Prozent aller Studienanfänger das Medizinstudium mit Erfolg.

Bis 2020 würden etwa 70 000 Ärzte benötigt, davon rund 51 000 Vertragsärzte. Die würden schon vom bisherigen Ausbildungsbetrieb zur Verfügung gestellt. Die Zahl der niedergelassenen Ärzte steige kontinuierlich - von etwa 95 000 im Jahr 1990 auf derzeit rund 140 000.

Um einen Sicherheitspuffer zu haben, empfahl Hildebrandt, trotzdem die Zahl der Studienplätze um etwa 1000 aufzustocken. 415 Millionen Euro im Jahr müssten die Länder dafür in etwa aufwenden.

Dennoch tun sich in der ärztlichen Versorgung Lücken auf. Dies gilt sowohl in der haus- und fachärztlichen Versorgung auf dem flachen Land als auch in den Krankenhäusern, vor allem kleinen Häusern mit weniger als 300 Betten. Dort seien etwa vier Prozent der ausgeschriebenen Stellen bis zu drei Monaten vakant, hat das Deutsche Krankenhaus-Institut festgestellt.

Insgesamt seien regelmäßig 6000 Krankenhausstellen und etwa 3600 Vertragsarztsitze nicht besetzt, stellen die zuständigen Verbände und Kammern fest. Für Hildebrandt ist das allerdings kein Problem.

Es gebe viele Tausend Ärzte, die zum Beispiel aus familiären Gründen ihre Karriere unterbrochen hätten und gerne wieder in den Beruf einsteigen würden. Anstatt Ärzte für Deutschland im Ausland anzuwerben, sollten die Angehörigen dieser stillen Reserve Angebote erhalten, ihr Fachwissen aufzufrischen.

Auch der Ministerialdirigent im Bundesgesundheitsministerium Dr. Volker Grigutsch, vermochte nach den ihm vorliegenden Zahlen keinen Ärztemangel festzustellen. Etwa 94 Prozent aller Absolventen landeten in der Krankenversorgung, erläuterte er.

Unattraktiv sei der Beruf keinesfalls. Auf jeden Studienplatz kämen aktuell immerhin 4,4 Bewerber. Vor zehn Jahren seien es nur 2,55 Bewerber gewesen.

Die Abwanderung ins Ausland stellt sich aus Sicht von Grigutsch ebenfalls nicht als Problem dar. Auslandsaufenthalte würden für die Berufsbiografie sogar ausdrücklich empfohlen. Derzeit arbeiten nach seinen Angaben 17 000 deutsche Ärzte im Ausland. Dafür würden etwa 20 000 ausländische Ärzte in Deutschland beschäftigt.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Kein Raum für Interpretationen

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