Nach Initiativen

Kinder erhalten seltener Antibiotika

Die vielen Initiativen zum rationelleren Einsatz von Antibiotika wirken: Von 2010 bis 2018 sind die Antibiotikaverordnungen bei Kindern und Jugendlichen um rund 40 Prozent zurückgegangen. Aber auch bei den Erwachsenen zücken Ärzte seltener den Rezeptblock.

Von Rebekka Höhl Veröffentlicht: 06.11.2019, 05:28 Uhr
Der Antibiotikaeinsatz ist vor allem bei Kleinkindern deutlich gesunken.

Der Antibiotikaeinsatz ist vor allem bei Kleinkindern deutlich gesunken.

© Franz Pfluegl / Fotolia

Rund 32,28 Millionen Antibiotika-Rezepte wurden im vergangenen Jahr von Kassenärzten ausgestellt. Pro 1000 GKV-Versicherte waren es demnach 446 Verordnungen. Im Vergleich zum Jahr 2010 – als es pro 1000 GKV-Versicherte noch 562 Verordnungen waren – ein Rückgang um ein Fünftel. So das Ergebnis einer Analyse des Zentralinstituts der kassenärztlichen Versorgung (Zi). Dabei belegen vor allem die Verordnungsdaten bei Kindern, dass Antibiotika tatsächlich seltener bei leichten Infekten eingesetzt werden und offenbar eine bessere Aufklärung der Eltern erfolgt.

Für Neugeborene und Säuglinge (0 bis 1 Jahr) wurden 2018 mit 320 Verordnungen pro 1000 GKV-Versicherte nur noch rund halb so viele Antibiotika-Rezepte wie noch neun Jahre zuvor (630 Verordnungen je 1000 Versicherte) ausgestellt. Das entspricht einer mittleren jährlichen Reduktion von acht Prozent, so die Zi-Forscher. Über alle Altersgruppen hinweg lag die jährliche Reduktion bei drei Prozent. Aber auch in der Altersgruppe der Zwei- bis Fünfjährigen sank die Verordnungsrate um 44 Prozent, bei den Grundschulkindern, also den Sechs- bis Neunjährigen, um 39 Prozent. Und selbst bei den Zehn- bis 14-Jährigen wurde eine Reduktion um 41 Prozent erreicht.

Damit rutschten die Grundschulkinder und Neugeborenen laut Zi im Vergleich zum Jahr 2010 vom zweiten und dritten Rang bei der Antibiotika-Verordnungsrate auf Rang 4 und 5 ab. Die Altersgruppe 65 rückte hingegen mit 517 Verordnungen je 1000 Versicherte hoch auf Rang 2.

Kindergartenkinder liegen vorn

Spitzenreiter blieben allerdings die Kindergartenkinder mit 683 Verordnungen pro 1000 Versicherte – das erklären die Forscher damit, dass hier altersspezifisch bedingt mehr Infektionskrankheiten auftreten. Immerhin zeigten sich die Ärzte auch in dieser Altersgruppe sehr zurückhaltend: 2010 waren es noch 1213 Antibiotika-Verordnungen je 1000 Versicherte.

Wie wichtig der rationellere Umgang mit Antibiotika im Praxisalltag ist, belegt eine andere Zahl: 85 Prozent der Antibiotika werden im ambulanten Bereich verordnet, heißt es im aktuellen vierten DART-2020-Zwischenbericht der Bundesregierung. „DART 2020“ ist die Neufassung der 2008 entwickelten Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie (DART), sie wurde 2015 von den Bundesministerien für Gesundheit (BMG), Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) sowie Bildung und Forschung (BMBF) überarbeitet. Ein Ziel ist, eine übergeordnete Antibiotika-Verbrauchs-Surveillance (AVS) zu etablieren.

Für den stationären Sektor hat das Robert Koch-Institut (RKI) dies gemeinsam mit der Berliner Charité bereits umgesetzt. Seit Projektstart im Jahr 2014 hätten sich 397 Kliniken und Rehabilitationszentren angemeldet, heißt es im DART-Bericht. Über die öffentlich zugängliche Datenbank (https://avs.rki.de/) könnten derzeit Referenzdaten aus über 180 Einrichtungen abgerufen werden.

Nachholbedarf sieht die Bundesregierung aber eben im ambulanten Bereich, hier gebe es bislang kein dem stationären Bereich vergleichbares Surveillance-System. Erst diesen Februar ist daher – gefördert durch das BMG – am RKI mit SAMBA (Surveillance ambulanter Antibiotika-Verbrauch) eine Machbarkeitsstudie für einen solchen Feedbackmechanismus angelaufen. Die Laufzeit beträgt drei Jahre, niedergelassene Ärzte müssen sich also noch etwas gedulden.

Vernetzung hilft

Gleichzeitig machen sich regionale Ärztenetze, Kammern und KVen für den rationelleren Umgang mit Antibiotika stark. Und das RKI zählt mittlerweile deutschlandweit über 100 regionale Multiresistente-Erreger (MRE)-Netzwerke, die unter der Moderation des Öffentlichen Gesundheitsdienstes entstanden sind.

Die Zi-Daten zumindest stimmen optimistisch. Gerade die Antibiotika, die als Reserve und wegen ihrer starken Nebenwirkungen nicht als Verordnung der ersten Wahl gelten, werden seltener verordnet. Beispiel Fluorchinolone: Hier nahm die Verordnungsrate in der Gruppe 2, die bei Atemwegsinfektionen zum Einsatz kommen, um 45 Prozent ab. Im vorigen Jahr zählte das Zi je 1000 GKV-Versicherte nur 16,7 Verordnungen.

Regionale Unterschiede

  • Spitzenreiter bei den Antibiotika-Rezepten im Jahr 2018 waren – gemessen in Verordnungen je 1000 GKV-Versicherte – das Saarland (572 Verordnungen), Rheinland-Pfalz (524 Verordnungen) und Westfalen-Lippe (506 Verordnungen).
  • Die niedrigsten Quoten erzielten Brandenburg (317 Verordnungen), Sachsen (336 Verordnungen), Thüringen (373 Verordnungen) und Berlin (379 Verordnungen).

Die Zi-Studie zu Antibiotikaverordnungen im ambulanten Bereich

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