Kreative Landarzt-Lösung

Französische Kleinstadt probt Ärztekarussell

Landarztmangel macht auch Frankreich enorm zu schaffen. Aus der Not heraus hat sich in einer Kleinstadt jetzt eine Lösung gefunden, die Schule machen könnte: Ärzte aus dem ganzen Land helfen wochenweise aus, damit die Hausarztpraxis in Betrieb bleibt.

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Bürgermeister Guy Rouchon (2.v.r.) und Arzt Martial Jardel 3.v.l.) eröffnen mit Mitstreitern den Praxis-Container, in dem die Bürger der französischen Gemeinde Ajain jetzt versorgt werden.

Bürgermeister Guy Rouchon (2.v.r.) und Arzt Martial Jardel (3.v.l.) eröffnen mit Mitstreitern den Praxis-Container, in dem die Bürger der französischen Gemeinde Ajain jetzt versorgt werden.

© Thomas Marty/Gemeinde Ajain/dpa

Ajain. Als vor gut zwei Jahren der letzte Hausarzt in der 1150-Einwohner-Gemeinde Ajain mitten in Frankreich in Rente ging und sich keine Nachfolge fand, gab der kleine Ort sich nicht geschlagen. Mit Schildern am Ortseingang und einem Videoclip kämpfte Ajain um einen neuen Mediziner – vergeblich.

Doch dann meldete sich der junge Arzt Martial Jardel mit einem ungewöhnlichen Plan beim Bürgermeisteramt - und plötzlich hat Ajain 40 Ärzte. Das pfiffige Konzept: Für je eine Woche kommt eine Ärztin oder ein Arzt irgendwo aus Frankreich und springt in der Gemeinde ein.

Gemeinde machte Filmwerbung

„Ich wurde fast täglich angesprochen von den Menschen, haben Sie einen Arzt gefunden, am Ende sterbe ich, ehe ein neuer Arzt nach Ajain kommt“, erzählte Bürgermeister Guy Rouchon dem Sender France bleu. „Wir haben getan, was wir tun konnten.“ In regionalen und nationalen Medien warb die Gemeinde, auch mit einem kleinen Film. Darauf habe sich Mediziner Jardel gemeldet, der gerade sechs Monate lang per Wohnmobil als Vertretungsarzt quer durch Frankreich auf Achse war. Mit Hilfe der Gesundheitsbehörde und dem Ärztekollektiv „Médecins Solidaires“, das Jardel zur Umsetzung seiner Idee mitgründete, ging sein innovatives Konzept im Herbst an den Start.

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„Das kann Angst machen, wenn jede Woche ein anderer Arzt kommt“, sagte Mediziner Jardel bei der Eröffnung der neuen Praxis. Allerdings sei dies besser, als auf einen einzigen Arzt zu setzen, der sich niederlässt, dann den Ort aber vielleicht wieder verlässt. „Wir wollen als Allgemeinmediziner eine Lösung für ein kollektives Problem bieten.“

Ein Konzept für ganz Frankreich?

„Médecins Solidaires“ wirbt inzwischen dafür, dass Modell auch in anderen Kommunen in Frankreich zu kopieren und sucht dafür in einem ersten Schritt 300 engagierte Mediziner. Binnen fünf Jahren, so die Hoffnung, sollen 150 Arztpraxen wie in Ajain entstehen.

In dem Ort werden die Gast-Ärzte in einem Landhaus einquartiert, erklärte der Beigeordnete der Gemeinde, Thomas Marty. Die neue Praxis wurde in einem angemieteten Containergebäude eingerichtet - das sei eine schnelle, vielleicht aber noch nicht die dauerhafte Lösung.

Bei jeder Visite ein anderer Arzt - dies sei für die Patienten kein Problem, da die ungewöhnliche Landarztpraxis über feste Sprechstundenhilfen und Patientenakten verfüge, sagte der Bürgermeister. „Die Leute sind überrascht, dass man sich um sie und ihre kleinen Wehwehchen kümmert, sie sind sehr zufrieden.“

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Auch Flugzeuge sind mancherorts im Einsatz

Der Landarztmangel ist in Frankreich enorm, rund 22 Millionen Menschen leben in einer unterversorgten Region, etwa sechs Millionen haben keinen festen Hausarzt und ein Patentrezept hat die Regierung noch nicht gefunden. Auf der Suche nach einer Lösung machte kürzlich auch die zentralfranzösische Stadt Nevers Schlagzeilen: Per Kleinflugzeug lässt sie Ärztinnen und Ärzte aus dem 150 Kilometer entfernten Dijon einfliegen, um den Personalmangel an der örtlichen Klinik zu lindern.

In Ajain unterdessen ist der Bürgermeister nach dem Erfolg mit der Arztpraxis gleich ein weiteres Projekt angegangen, um seine Landgemeinde lebendig zu halten – die „Biblioposte“. Da die Post im Ort ihre Öffnungszeiten immer stärker reduzierte, richtete er mit Finanzhilfe aus dem Rathaus eine Postagentur samt Bücherei ein - diese gab es im Ort vorher noch gar nicht. (dpa)

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