Gesundheitspolitik international

Krankheitskosten treiben Millionen in Armut

Die Kernaussagen des Weltgesundheitsberichts der WHO sind ernüchternd: Weltweit leiden Millionen Menschen, weil sie unzureichend medizinisch versorgt werden - und weil sie Behandlungskosten aus der eigenen Tasche bezahlen müssen und deshalb in die Armutsfalle tappen.

Von Thomas HommelThomas Hommel Veröffentlicht:
Erst krank und dann arm: Weil sie über keine Krankenversicherung verfügen, rutschen immer mehr Menschen weltweit in die Armut ab.

Erst krank und dann arm: Weil sie über keine Krankenversicherung verfügen, rutschen immer mehr Menschen weltweit in die Armut ab.

© Bernd Friedel / imago

BERLIN. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schlägt Alarm: Jedes Jahr würden mehr als 100 Millionen Menschen in die Armut getrieben, weil sie über keine Krankenversicherung verfügen und für Behandlungskosten beim Arzt oder im Krankenhaus selber aufkommen müssen, heißt es im Weltgesundheitsbericht 2010 der WHO, der am Montag in Berlin vorgestellt wurde.

Das Problem der Verarmung infolge von Krankheit betreffe bei weitem nicht nur die Menschen in Entwicklungsländern, heißt es in dem rund 100 Seiten langen Bericht. Auch Industriestaaten hätten zunehmend damit zu kämpfen, dass ihre Bevölkerung in die Armutsfalle tappe, weil Gesundheitsleistungen sofort bei Erbringung bezahlt werden müssten.

In den USA etwa würden Privatleute häufig in die Überschuldung geraten, weil ihr Geld für Behandlungskosten nicht reiche. Auch in Griechenland, Portugal, Polen und Ungarn würden viele Menschen finanzielle Härten erleiden, weil sie für ihre Versorgung selber aufkommen müssen.

WHO-Generaldirektorin Margaret Chan forderte die Regierungen auf, "die Gesundheitsfinanzierung zu verbessern und die gesundheitliche Absicherung zu stärken". Ärmere Staaten sollten mehr Finanzmittel für den Gesundheitsbereich beschaffen, etwa durch Steuern auf Alkohol und Tabak oder eine erhöhte Mehrwertsteuer. Denkbar seien auch neue Steuerquellen wie Umsatzsteuern. Reichere Länder dagegen müssten für mehr Effizienz in ihren Gesundheitssystemen sorgen, so Chan.

Als ein Beispiel für unnötige Verschwendung führt der WHO-Bericht den Krankenhaussektor an, wo weltweit jedes Jahr knapp 300 Milliarden US-Dollar "aufgrund von Ineffizienz" vergeudet würden. Eine Durchsicht von mehr als 300 Studien habe ergeben, dass Kliniken bei gleichem Aufwand im Schnitt 15 Prozent mehr leisten könnten.

Belege dafür, dass staatliche Kliniken mehr oder weniger leistungsfähig seien als privat geführte Häuser, gibt es laut WHO nicht. Die Leistungsfähigkeit lasse sich überall verbessern.

Einsparpotenziale macht der Bericht der WHO auch im Arzneimittelsektor aus. Durch sachgerechten Einsatz sowie verbesserte Qualitätskontrolle von Arzneien könne ein Land fünf Prozent seiner Gesundheitsausgaben einsparen.

Ausdrücklich gelobt von der WHO wird in diesem Zusammenhang Frankreich, das mit Hilfe seiner "Strategie der Generikasubstitution" im Jahr 2008 Einsparungen von knapp zwei Milliarden US-Dollar generieren konnte.

Als problematisch wird im Bericht eingestuft, dass mehr als die Hälfte aller Arzneimittel weltweit "unsachgemäß verordnet, abgegeben bzw. verkauft werden". Zudem sei die Compliance der Patienten oft ungenügend. Die Hälfte der Patienten würden ihre Medikamente nicht wie verordnet einnehmen. Auch hier schlummere ein großes Einsparpotenzial.

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) betonte bei der Vorstellung des WHO-Berichts, die Qualität der Gesundheitsversorgung sei "Gradmesser für den gesellschaftlichen Zusammenhalt". Für den Aufbau eines funktionierenden Gesundheitssystems gebe es aber "keine Patentlösungen".

Jedes Land müsse seinen eigenen Weg finden. Der Bundesregierung sei es mit ihrer Gesundheitsreform gelungen, die Krankenversicherung auf ein solides Finanzfundament zu stellen und die Lasten fair zu verteilen, so der Minister.

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