Sommer- und Herbstwelle

Lauterbach: Corona-Schutzvorkehrungen in Altenheimen zügig umsetzen!

Maskenpflicht, Testauflage, vierte Impfung: Gesundheitsminister Lauterbach rät Pflegeheimen, sich zügig für die Coronawelle im Sommer und Herbst zu wappnen. Der Branchenverband bpa übt scharfe Kritik.

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Als Besucher nur mit FFP2-Maske ins Altenheim: Gesundheitsminister Karl Lauterbach hat sich am Mittwoch für einen verstärkten Corona-Schutz in Pflegeeinrichtungen ausgesprochen.

Als Besucher nur mit FFP2-Maske ins Altenheim: Gesundheitsminister Karl Lauterbach hat sich am Mittwoch für einen verstärkten Corona-Schutz in Pflegeeinrichtungen ausgesprochen.

© Waltraud Grubitzsch / picture alliance

Berlin. Alten- und Pflegeheime sollten sich nach Ansicht von Bundesgesundheitsminister Professor Karl Lauterbach rasch auf die Corona-Sommerwelle und eine mögliche Welle im Herbst vorbereiten.

Per Hausrecht könnten die Träger etwa festlegen, dass Besucher in den Einrichtungen eine FFP2-Maske tragen müssten. Auch sollten die Heime darauf bestehen, dass alle Besucher getestet seien, sagte der SPD-Politiker am Mittwoch vor Journalisten.

Derzeit sei Deutschland noch nicht optimal vorbereitet, um sicherzustellen, dass Pflegebedürftige ausreichend geschützt seien, so Lauterbach. Ziel müsse sein, erneut massenhafte Infektionsausbrüche wie in den ersten Wellen der Pandemie zu vermeiden.

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Auf Hausrecht zurückgreifen

Nötig seien auch mehr zweite Auffrischungsimpfungen gegen das Coronavirus. Bis jetzt hätten lediglich 30 Prozent der Pflegebedürftigen eine solche vierte Impfung erhalten. Die vierte Impfung senke aber das Sterblichkeitsrisiko erheblich – mit der erneuten Auffrischung solle daher auch nicht gewartet werden, bis an die Omikron-Variante angepasste Vakzine erhältlich seien.

Zuvor hatte sich Lauterbach mit Vertretern der Langzeitpflege über Schutz- und Hygienekonzepte in den bundesweit rund 25.000 Pflegeeinrichtungen beraten. Träger und Beschäftigte hätten in den vergangenen zwei Pandemiejahren „Ungeheures gemeistert“, betonte Diakonie-Vorstandsmitglied, Maria Loheide, im Anschluss an die Gespräche.

Es ergebe Sinn, sich „jetzt für den Herbst“ zu wappnen, machte Loheide deutlich. Sollten die Einrichtungen Impf- und Hygienebeauftragte vorhalten, wie in einem Strategiepapier des Gesundheitsministeriums vorgeschlagen werde, benötigten sie dafür zusätzliche Unterstützung. „Wir brauchen dringend Ressourcen.“

Pflegebedürftige Menschen lebten nicht wie „unter einer Käseglocke“. Deshalb brauche es auch gesellschaftliche Solidarität, um ältere Menschen besser zu schützen. Deutschland dürfe nicht wieder in eine Situation geraten, in der Pflegebedürftige „weggesperrt“ werden, appellierte Loheide.

WIdO-Forscherin: „Erfahrungen der ersten Wellen nutzen“

Einem Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zufolge waren pflegebedürftige Menschen 2020 und 2021 besonders stark von den Auswirkungen der Pandemie betroffen. Der Studie zufolge lag die Letalität in Pflegeheimen bereits rund drei Wochen nach Start des ersten Lockdowns im April 2020 um 20 Prozent höher als in den Vorjahren.

In der Spitze lag die Übersterblichkeit 2020 sogar bei 80 Prozent der normalen Rate. Viele der rund 800.000 Heimbewohner verbrachten zudem wochenlang isoliert von der Außenwelt.

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Die Forschungsbereichsleiterin Pflege beim WIdO, Dr. Antje Schwinger, appellierte, diese Erfahrungen bei den anstehenden Vorbereitungen auf den kommenden Herbst zu berücksichtigen. „Wir wissen, wie gefährdet und vulnerabel die Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen in der Pandemie sind und wie stark die Pflegeheime betroffen waren“, sagte Schwinger der Ärzte Zeitung am Mittwoch.

Heimbewohner dürften nicht erneut von Angehörigen und dem sozialen Umfeld isoliert sein. „Denn: Auch die psychischen und gesundheitlichen Folgen einer solchen Isolation sind uns bekannt“, betonte Schwinger.

Patientenschützer nehmen Gesundheitsämter in die Pflicht

„In der aktuellen Sommerwelle und für den kommenden Corona-Herbst muss der Schutz von Risikogruppen höchste Priorität haben“, mahnte der Vorstand der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. Angesichts der immer noch hohen Anzahl an Infektionen und Corona-Toten seien tägliche Schnelltests und zwei PCR-Tests pro Woche für das Gesundheitspersonal unverzichtbar.

Wenig zielführend sei hingegen, die Umsetzung von Hygienekonzepten einer internen Fachkraft zu überlassen. Bund und Länder hätten „endlich dafür zu sorgen, dass Gesundheitsämter die 12.000 Pflegeheime und 12.000 ambulante Dienste regelmäßig überprüfen“. Unabhängig von Ausbrüchen gelte es, jede Einrichtung vier Mal im Jahr aufzusuchen.

bpa: Regierung wälzt Verantwortung auf Pflegeheime ab

Scharfe Kritik übten derweil Vertreter der privaten Pflege. „Jetzt wird die Verantwortung für den Schutz der vulnerablen Gruppen auf die Pflegeeinrichtungen, die Pflegekräfte, Bewohnerinnen und Bewohner sowie deren Angehörige verlagert“, sagte der Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), Bernd Meurer, am Mittwoch.

Die Pflegeeinrichtungen zeigen schon seit zwei Jahren, dass sie mit intensivem Werben für Impfungen, Schutzmaßnahmen und nachhaltigen Testkonzepten alles täten, die ihnen anvertrauten Menschen zu schützen. „Inzwischen stehen sie im Kampf gegen das Virus weitgehend allein da“, so Meurer. Die „Verantwortungsverweigerung“ der Ampel-Regierung mache ihn „fassungslos“.

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Die neue Corona-Testverordnung des Bundes tritt am Donnerstag (30. Juni) in Kraft. Vorgesehen ist nunmehr, dass auch pflegende Angehörige sowie Menschen mit Behinderungen und deren Betreuungskräfte sich weiter kostenlos auf das Virus testen lassen können. (hom/schu)

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