Kommentar zur Gesundheitskompetenz

Leider nur Symbolpolitik

Schnelle Erfolge sind im Bemühen um eine höhere Gesundheitskompetenz nicht in Sicht. Die große Koalition verharrt in Symbolpolitik.

Von Dr. Florian Staeck Veröffentlicht: 26.09.2019, 07:35 Uhr

Es gibt Politikfelder, da sind schnelle Meriten für alle Akteure nicht zu erwarten. Die erschreckend schlechte Gesundheitskompetenz vieler Bürger in Deutschland ist so ein Handlungsfeld. Nachdem Studien mehr als jedem zweiten Deutschen große Schwierigkeiten attestiert hatten, sich souverän im Gesundheitswesen zu bewegen, legte der damalige Gesundheitsminister Hermann Gröhe 2017 mit großem Aplomb die „Allianz für Gesundheitskompetenz“ auf.

Nachfragen der FDP-Fraktion im Bundestag machen deutlich, wie sehr dieses Vorhaben in den Mühen der Ebene angekommen ist. Zu den wenig vorzeigbaren Projekten gehört das Nationale Gesundheitsportal, das aber erst 2021 starten soll.

Prämisse für eine konzertierte Aktion in Sachen Gesundheitskompetenz wäre das, was die WHO „Gesundheit in allen Politikfeldern“ genannt hat. Doch davon kann in der großen Koalition keine Rede sein. Man denke etwa an das Trauerspiel um die Nationale Diabetes-Strategie, die immer wieder vertagt wird. Oder das Gewürge um eine leicht verständliche Nährwert-Ampel für Lebensmittel, die mehrfach durch Lobbyinteressen ausgebremst worden ist. Auf positive Nachrichten von steigender Health Literacy in Deutschland wird man vermutlich noch lange warten müssen.

Lesen Sie dazu auch: Gesundheitskompetenz: Regierung sieht noch keine Besserung

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Dr. Thomas Georg Schätzler

Steigende "Health Literacy"? Eher Krankheits- und Gesundheits-Kompetenzverluste

Der Modebegriff "Health Literacy" suggeriert irreführend, dass es in der medizinischen Wissenschaft, Forschung und Entwicklung oder Versorgung unserer Patientinnen und Patienten gar nicht mehr um Krankheit an und für sich, um Krankheitsentitäten mit Anamnese, Diagnostik, (nicht-)interventionellen Therapieverfahren bzw. Palliativmedizin geht, sondern nur noch um mehr oder weniger abstrakte Begrifflichkeiten von Gesundheit.

Ganz so, als würden gesundheitsbewusste, krankheits-vermeidende Lebensführungen alleine wohl schon ausreichen, um eine "Totale Gesundheit" zu erzeugen. „Health Literacy“ ist ins Deutschen übersetzt eine möglichst umfassende Kunde von Gesundheit. „Literacy“ im engeren Sinne ist die Fähigkeit, mit basalen Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen umgehen zu können („Literacy is traditionally understood as the ability to read, write, and use arithmetic“).

Der Begriff „Literacy“ wurde durch die moderne Sozialforschung umfassend erweitert und modernisiert: „The modern term''s meaning has been expanded to include the ability to use language, numbers, images, computers, and other basic means to understand, communicate, gain useful knowledge and use the dominant symbol systems of a culture. The concept of literacy is expanding in OECD countries to include skills to access knowledge through technology and ability to assess complex contexts“, so Wikipedia.

Damit wäre die „Gesundheitskunde“ als umfassendes Schul- und lebenslanges Lern-Fach zu Sprach-, Zahlen-, Bilder-, Computer-, Verständnis-, Kommunikations- und Semiotik-Wissenschaften hochstilisiert worden, um technologischen Wissenserwerb und Verständnis komplexer Zusammenhänge zu erreichen.

Doch mit diesem wissenschaftstheoretisch völlig überladenen „Wasserkopf“ wollen sich Medizin-, Krankheits- und Versorgungs-bildungsferne sozialwissenschaftliche Experten/-innen als Gesundheitsforscher und Gesundheitswissenschaftler profilieren und über ihren neuen Wissenszweig Alleinstellungsmerkmale und erweiteres Herrschaftswissen aufbauen.

Die niedergelassenen Vertragsärzte, insbesondere die primär bei Krankheits-, Gesundheits- und Präventionsfragen in Anspruch genommenen Familien- und Hausärzte, wurden in einer sich permanent verändernden Wissenschafts-Gesellschaft in einem dauerhaften Diskurs über unterschiedliche Bewältigungs-Strategien bei Schwangerschaft, Geburt, Leben, Krankheit, Gesundheit, Vorsorge, Früherkennung, Chronizität, Behinderung, Palliation und Sterben gar nicht erst berücksichtigt.

Sie sind allerdings auch diejenigen, welche um Krankheitsentitäten zwischen Leben und Sterben wissen, die trotz gesunder Lebensführung zwischen Ökologie und Ökonomie auftreten und behandelt bzw. versorgt und betreut werden müssen.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Vgl. dazu
https://www.doccheck.com/de/detail/articles/12607-health-literacy-ist-das-kunst-oder-kann-das-weg?


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