Frankreich

Macron setzt auf Gesundheitsreform

"Prendre soin de chacun" – Sorge tragen für jeden – ein Anspruch, den Frankreichs Präsident Macron mit einer Gesundheitsreform einlösen will. Er sieht die medizinische Versorgung massiv gefährdet.

Von Denis Durand de Bousingen Veröffentlicht: 28.09.2018, 14:30 Uhr
Macron setzt auf Gesundheitsreform

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sorgt sich um die Versorgung.

© MAXPPP / dpa / picture alliance

PARIS. Die Probleme gleichen sich. Der Ärztemangel vor allem in ländlichen Regionen nimmt in Frankreich dramatische Formen an, mehr noch als in Deutschland. Jetzt reagiert die Politik.

Die sogenannte "ma Santé 2022"-Reform ( Meine Gesundheit 2022), die kürzlich von Präsident Emmanuel Macron in Paris vorgestellt wurde, soll die Arbeit der praktischen Ärzte erleichtern und zugleich die oft überfüllten Krankenhausnotaufnahmen entlasten. Dafür werden neue Arztstellen geschaffen.

Zwischen den Patientenvereinigungen und der Standesorganisation der Ärzte "Ordre des Médecins" gibt es traditionell viele Konflikte.

In einem Punkt allerdings herrscht Einigkeit: Die Rotstiftpolitik wechselnder rechter und linker Regierungen hat über Jahrzehnte dazu geführt, dass es zu einer ungleich verteilten ärztlichen Versorgung kam.

Insbesondere die Landbevölkerung bekommt die Folgen zu spüren. Der Ärztemangel hat in einigen Regionen gravierende Auswirkungen.

Viele kleine Krankenhäuser geschlossen

Seit den 1970er-Jahren sind mit der Begründung, die Fallzahlen seien zu gering, viele kleine Krankenhäuser geschlossen worden.

In Notfällen sind deshalb lange Fahrten bis zur Klinik in der nächsten größeren Stadt erforderlich. Auch hier will Macrons Reform ansetzen.

Die spektakulärste Maßnahme ist aber die Abschaffung des Numerus Clausus am Studienanfang, der seit 50 Jahren den Zugang in die medizinischen Unis begrenzt.

Vor allem in den 1990er-Jahren wurde die Zahl der Studienanfänger mit Hilfe der NC-Sperre drastisch reduziert – ein in der politischen Diskussion häufig genannter Grund, wie die Mediziner-Engpässe in der Gegenwart zu erklären sind.

Derzeit beginnen jedes Jahr an die 60 000 Studienanfänger in Frankreich ein Medizinstudium, am Ende des ersten Studienjahres müssen sie sich dann einem harten Wettbewerb stellen, mit der Folge, dass rund 80 Prozent der Bewerber durchfallen.

Analytisches Denken wird nicht gefordert

Die Prüfung setzt vor allem auf aufwändiges Lernen, analytisches Denken hingegen wird nicht gefordert. Ab 2020 soll deshalb die Auslese durch neue Prüfungsmethoden ersetzt werden.

Der klassische NC ist dann vom Tisch. Bei einer Begrenzung der Studentenzahl wird es aber bleiben, allerdings weniger strikt als bisher. Ab Mitte der 2020er-Jahre soll der Ärztemangel völlig abgehakt sein.

Ganz neu für Frankreich ist auch die Schaffung von angestellten praktischen Ärzten, die vor allem in dünn besiedelten und unterversorgten Gebieten bestehende Arztpraxen verstärken sollen.

Die Ärzte sollen rund um die Uhr erreichbar sein, um die Notaufnahmen zu entlasten. Arbeitgeber der angestellten Ärzte werden nicht nur Polikliniken oder Krankenhäuser, sondern auch Gruppen niedergelassener Ärzte oder Ärztehäuser sein – das ist neu und war bisher verboten.

Behörden und Krankenkassen versuchen seit langem mit meist bescheidenem Erfolg, Ärzten zinslose Darlehen anzubieten.

In einigen Departements richten die Bürgermeister auf Kosten der Kommune Gesundheitszentren mit kompletten Praxen ein, um junge Ärzte anzulocken- meist vergebens.. Jetzt soll Macrons Reform greifen.

Drittes grosses Kapitel seiner geplanten Maßnahmen ist die Ausbildung von mindestens 40.000 Arzthelferinnen sowie die Anerkennung dieses Berufs.

Im Gegensatz zu vielen Länder Europas hat der Beruf in Frankreich immer noch keine gesetzliche Basis. Die meisten praktischen Ärzte arbeiten allein oder nur mit einer Sekretärin, die Patienten weder anfassen noch untersuchen darf.

Die neuen Mitarbeiterinnen werden einige einfache Untersuchungen, wie etwa Blutdruck- oder Zuckermessungen selbst übernehmen dürfen. Sie erweitern auch in anderen Bereichen ihr Kompetenzspektrum und dürfen sich intensiver als die traditionell tätigen Sekretärinnen mit Dokumentation und Verwaltungsarbeit beschäftigen.

Dadurch sollen Ärzte Zeit und Aufwand sparen, um sich um mehr um Patenten kümmern zu können. Der Staat will hier Nägel mit Köpfen machen – die Einstellung dieser Mitarbeiterinnen bei Hausärzten soll finanziell gefördert werden.

Ärzte warnen vor Unterfinanzierung

Zu den 50 weiteren Maßnahmen der Reform gehört auch die Weiterentwicklung der vor einigen Jahren eingeführten flächendeckenden Neuorganisation der Krankenhäuser auf regionaler Ebene, sowie eine bessere Vernetzung der ambulanten und stationären Einrichtungen.

Geplant ist auch eine leichte Lockerung der Budgets, die die ambulanten Ausgaben seit Jahren streng regeln.

Ärztekammer und Ärzteverbände begrüßen diese Reform, die in den kommenden Monaten umgesetzt werden soll. Sie warnen aber vor einer unzureichenden Finanzierung der geplanten Maßnahmen.

Derzeit will die Regierung dafür knapp 4,5 Milliarden Euro ausgeben. Zu wenig, sagt die Ärzteschaft.

Bemerkenswert ist, dass Ärzteverbände jahrelang angestellte praktische Ärztestellen kategorisch abgelehnt haben und die Reform heute ohne Wenn und Aber akzeptieren.

Ein weiterer Beweis, dass jüngere Ärztegenerationen nicht mehr wie ihre Väter ohne Zeitlimit als Freiberufler arbeiten wollen.

In diesem Sinn ist dieser Teil der Reform auch das Zeichen eines Generationenwechsels ähnlich wie in Deutschland: Althergebrachte Denkmuster funktionieren beim Ärztenachwuchs nicht mehr.

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