Forensische Kliniken

Maßregelvollzug – mehr Klinik als Knast

Sie haben mitunter schreckliche Verbrechen begangen, doch die Schuldfrage wird anders bewertet: Mehr als 10.000 Patienten sitzen bundesweit im Maßregelvollzug – und es werden immer mehr. Die Anstalten ächzen unter Überlastung.

Von Nico Pointner Veröffentlicht: 26.12.2019, 13:57 Uhr
Maßregelvollzug – mehr Klinik als Knast

Weggesperrt: Tür zum Isolationsraum in einer geschlossenen Abteilung im Zentrum für Psychiatrie: Zu Beginn werden die Patienten noch engmaschig kontrolliert. In kleinen, vorsichtigen Schritten wird der Vollzug dann gelockert.

© Felix Kästle/dpa

Stuttgart. Wolfgang Maier* kann sich noch gut an den Tag erinnern, als sein Leben auseinanderfiel. Er wird im Januar 2015 mit Wahnvorstellungen in die Forensische Klinik in Weissenau am Bodensee eingewiesen. Weil er eine Straftat begangen hat, so schwerwiegend, dass er heute nicht mehr darüber reden will. Erst als er in der Isolierzelle sitzt, beginnt er zu verstehen, was er getan hat. Das sei der schlimmste Tag seines Lebens gewesen, erzählt der 44-Jährige.

Im sogenannten Maßregelvollzug sitzen Menschen wie Wolfgang Maier, die mitunter schreckliche Verbrechen begangen haben. Vergitterte Fenster, Panzerglas, Schleusen, Kameras und hohe Zäune erinnern an ein Gefängnis. Aber hier sitzen Patienten, keine Insassen. Sie sind psychisch krank oder suchtkrank – und damit nicht oder nur vermindert schuldfähig. Bundesweit sind nach Schätzung von Experten rund 12.000 so untergebracht. In Baden-Württemberg sind es rund 1200 Menschen (Stichtag 31.Oktober 2019) – so viele wie noch nie.

Kein „Psychoknast“

Wenn es um Gefängnisse geht, wird der Maßregelvollzug oft vergessen. Er rückt meist nur in den Blickpunkt, wenn kranke Straftäter entlaufen sind. Dabei sind immer mehr psychisch kranke Straftäter in den speziellen Kliniken untergebracht. Die Arbeit dort wird immer anspruchsvoller. Das öffentliche Bild der forensischen Psychiatrie wird geprägt von Horrorfilmen und Hollywoodfiguren wie Hannibal Lecter. Udo Frank ärgert das. Der Ärztliche Direktor der Klinik in Weissenau regt sich auf, wenn er in Boulevardblättern vom „Psychoknast“ liest. Es gebe viele Vorurteile und diffuse Ängste über den Maßregelvollzug, sagt er.

Udo Frank sitzt in seinem Büro, dunkelgraues Sakko, hellgrauer Bart. Der 60-Jährige arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Arzt in der Forensischen Psychiatrie. Frank ist ein fröhlicher Mann, er lacht häufig und laut und mit offenem Mund. Klar, auch er bekomme hin und wieder Gänsehaut bei manchem Fall.

Er erzählt von einem jungen Mann mit paranoider Schizophrenie, der seine eigene Mutter tötete und ihr die Augen eindrückte, weil er der Meinung war, damit die Welt vor dem Teufel zu retten. Der Patient sei ein intelligenter, junger Student gewesen, der einfach in seinem Wahn gefangen gewesen sei.

Mit Medikamenten seien die Symptome nach wenigen Wochen verschwunden. „Man denkt am Anfang: Was ist das für ein Monster? Dann ist das ein Mensch“, sagt Frank. Er sehe immer den Patienten, nicht den Täter.

Schneller Absturz aus dem normalen Leben

Wolfgang Maier sieht nicht aus wie ein Monster. Er sitzt in Jeans und blauem Pulli in einem Aufenthaltsraum der Station 73, einer offenen Rehabilitationsstation für psychosekranke Patienten in Weissenau. Maier ist ein Mann wie ein Baumstamm, groß, bullig, schwer, dennoch wirkt er schüchtern und nervös, fast wie ein Kind. Mit ernstem Gesicht erzählt er seine Geschichte.

Wolfgang Maier hatte einst ein ganz normales Leben. Versicherungsvertreter, Frau, zwei Kinder, Großraum Stuttgart. „Wie man sich es wünscht eigentlich“, sagt er.

Dann kam die Trennung von der Frau, wachsende Belastung im Job. Maier wird krank. Er rutscht durch den Stress in eine sogenannte schizoaffektive Störung, einer Mischung aus Schizophrenie, Depression und Manie. In seinem Kopf entwickelt er Wahnvorstellungen.

„Ich habe mir vorgestellt, dass ich verfolgt werde – und dass der, der mich verfolgt, mich und meine Kinder umbringen will“, erzählt er. Die Ängste werden immer realer – bis Maier reagiert. „Ich habe eine sehr schwere Straftat begangen“, erzählt er mit ruhiger Stimme. Seit knapp fünf Jahren sitzt er deshalb in Weissenau.

Gesellschaftliche Wiedereingliederung ist das Ziel

Die Patienten sollen nicht bestraft, sondern wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden, sagt Chefarzt Udo Frank.

Maßregelvollzug – mehr Klinik als Knast

Wände auf den Stationen werden von Patienten bemalt und gestaltet – die Atmosphäre soll therapiefreundlich sein.

© Felix Kästle/dpa

Er spricht von Untergebrachten, nicht von Straftätern. Weissenau ist auch optisch viel mehr Klinik als Knast. Auf den Stationen gibt es gemütlich eingerichtete Wohnzimmer mit Topfpflanzen, Fernsehern und Brettspielen. Die Krankenhausküche bietet heute Hähnchenschnitzel, Gemüsebolognese und Germknödel an. Neben dem Speiseplan am schwarzen Brett auf der Station 71 hängt ein Gedicht von Charlie Chaplin mit dem Titel „Als ich mich selbst zu lieben begann“.

Es gibt Kochgruppen, Suchtgruppen, Wandergruppen, Bewegungsgruppen, Achtsamkeitsgruppen, Ergotherapie, Arbeitstherapie, Sporttherapie, Musiktherapie, Kunsttherapie, Deutschkurse, soziales Training, Suchtselbsthilfe, Bogenschießen, Schwimmen, Basketball. Wände auf den Stationen werden von Patienten bemalt und gestaltet – die Atmosphäre soll therapiefreundlich sein.

„Das ist hier was ganz anderes als Haft“, sagt Chefarzt Frank. „Die Menschen sind krank und denen steht eine Behandlung zu.“ Deshalb haben sie auch mehr Rechte als Gefangene.

Der gesetzliche Auftrag lautet „Besserung und Sicherung“ – und zwar in dieser Reihenfolge. Einst war es umgekehrt. Sichere Besserung sei die beste Sicherung, sagt Frank.

Vorwärts in kleinen Schritten

Maßregelvollzug – mehr Klinik als Knast

Gemeinsam: Auf den Stationen gibt es neben dem Essensraum auch gemütlich eingerichtete Wohnzimmer mit Topfpflanzen, Fernsehern und Brettspielen.

© Felix Kästle/dpa

Zu Beginn werden die Patienten noch engmaschig kontrolliert. In kleinen, vorsichtigen Schritten wird der Vollzug gelockert. Erst dürfen sie raus in den umzäunten Garten, dann mit Klinikpersonal auf das ganze Gelände, später mit anderen Patienten, schließlich alleine – bis sie irgendwann durch Ravensburg laufen dürfen. Bevor sie die Klinik erstmals ohne Begleitung verlassen, muss die Staatsanwaltschaft allerdings zustimmen.

Wolfgang Maier ist seit zweieinhalb Jahren in einer offenen Station untergebracht, auf Lockerungsstufe 8, „mit Stern“, wie er selbst sagt. Er darf sich in einem Umkreis von 25 Kilometern rund um die Klinik frei bewegen. Nur zwischen 20.45 bis 6.45 Uhr muss er anwesend sein.

23 Stunden die Woche arbeitet Maier im Bistro der Klinik, schmiert Brötchen und backt Kuchen. Die Arbeitstherapie macht ihm Spaß. In Therapiegruppen arbeitet er daran, sich zu bessern, seine Krankheit und sein Leben in den Griff zu bekommen.

Seine Tat verfolge ihn noch jeden Tag, erzählt Maier. Ihn plagen Schuldgefühle. „Weil es mir relativ gut geht hier – für das was ich gemacht habe.“ Er sei froh, dass er im Maßregelvollzug gelandet sei. „Ich habe immer wieder das Gefühl, ich müsste eigentlich im Gefängnis sitzen.“ Nun muss er sich lediglich in ein kleines Buch am Eingang eintragen, wenn er aus seiner Station spazieren will.

Immer wieder sorgen Fluchten und sogenannte Entweichungen aus dem Maßregelvollzug für Schlagzeilen. Vier Straftäter überwältigten im Zentrum für Psychiatrie in Calw im April einen Pfleger und eine Pflegerin und sperrten diese in einen Raum. Die Männer, die wegen Raubes mehrjährige Haftstrafen verbüßen müssen, saßen wegen Suchtproblemen in der forensischen Abteilung des Zentrums. Sie wurden am Morgen nach dem Ausbruch wieder gefasst. Etwa zur gleichen Zeit kletterte ein Gewalttäter im Zentrum für Psychiatrie in Weinsberg (Kreis Heilbronn) über einen Zaun und entwischte – er kehrte aber kurz darauf in die Klinik zurück.

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Bei Entweichungen komme es selten zu schlimmeren Verstößen als Schwarzfahren, berichtet Frank. Die Rückfallquote der psychisch Kranken sei im Gegensatz zum Strafvollzug zudem gering.

Belegungszahlen steigen rasant

Aber die Arbeit mit den Patienten wird schwieriger. Die Belegung in den Kliniken nimmt seit Jahren zu. Die Zahl der Untergebrachten in Baden-Württemberg ist nach Angaben des Sozialministeriums von 2000 bis 2018 um 58 Prozent gestiegen. „Das hat zu massivem Druck in den Kliniken geführt“, sagt Chefarzt Frank. Das stellt Ärzte und Pfleger vor große Herausforderungen. Betten und Personal sind Mangelware.

In Weissenau sind 145 Patienten untergebracht, bei 107 Planbetten. Frank erklärt sich die Überbelegung mit der wachsenden Bevölkerung, aber auch mit der zunehmenden Zahl an Flüchtlingen im Land, die häufig traumatisiert sind und damit ein erhöhtes Risiko hätten, psychisch zu erkranken. Das Bundesverfassungsgericht schränke mit seiner Rechtsprechung etwa zu Zwangsmedikation und Fixierung die Arbeitsmöglichkeiten der Allgemeinpsychiatrie zunehmend ein, klagt er. Die Patienten könnten nicht mehr so gut behandelt werden – und landeten dann irgendwann im Maßregelvollzug.

Jürgen Müller spricht von einem Ansturm vor allem auf geschlossene Abteilungen im Maßregelvollzug bundesweit. Müller ist Professor für Forensische Psychiatrie in Göttingen und zuständig für diesen Bereich in der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). „Inzwischen sind Patienten schwerer gestört und vielleicht auch gefährlicher als früher“, sagt er. Die Unterbringungsdauer nehme seit Jahren zu. Zudem gebe es immer mehr bürokratische Hürden, die die Behandlung verzögerten. Jeder dritte psychisch Kranke sitze länger als zehn Jahre im Maßregelvollzug, es fehlten geeignete Aufnahmeeinrichtungen für die Nachsorge.

Einige Patienten sind nur wenig motiviert

Besonders die Entziehungsanstalten ächzen unter der Überbelegung. Die Zahl der Suchtkranken in Baden-Württemberg stieg im Zeitraum von 2000 bis 2018 um 176 Prozent. Immer mehr Menschen würden eingewiesen, die gar nicht suchtkrank seien und nicht hier hingehörten, klagt Frank. Sie seien häufig nicht motiviert für eine Therapie, sondern wollten schlicht die unkomfortablen Haftbedingungen vermeiden oder früher als in Haft auf Bewährung entlassen werden. Das mache die Arbeit mit den Therapiebedürftigen schwieriger.

Maßregelvollzug – mehr Klinik als Knast

Auf engem Raum: Die Zahl der im Maßregelvollzug Untergebrachten in Baden-Württemberg ist nach Angaben des Sozialministeriums von 2000 bis 2018 um 58 Prozent gestiegen. Einzelzimmer müssen daher zum Teil oft mit Stockbetten ausgestattet werden.

© Felix Kästle/dpa

„Die Gerichte sind sehr unterbringungsfreundlich“, sagt Psychiatrie-Professor Müller. Die Hälfte der Therapien würde wegen Aussichtslosigkeit abgebrochen. „Das ist der Wahnsinn.“ Das Recht müsse schärfer auf die Behandlung Suchtkranker ausgerichtet werden und das Behandlungsangebot für Suchtkranke im Justizvollzug auf- und ausgebaut werden.

Eine Reform des Strafgesetzbuchs sei überfällig, sagt der baden-württembergische Sozialminister Manne Lucha (Grüne). Lucha will im Südwesten Standorte ausbauen, Mittel bereitstellen, Container aufbauen. Das Problem der Überlastung ziehe sich wie ein roter Faden durch alle Bundesländer, sagt er.

In Weissenau wurden in den vergangenen Monaten zusätzliche Betten in Räume und Flure geschoben. Ein altes Gebäude, das eigentlich abgerissen werden sollte, wurde gestrichen und beherbergt seit Juli eine ganz neue Station. Die Lage sei weiter angespannt, sagt Frank. Mit der Belegung wachsen auch die Konflikte. Die Zahl der Übergriffe habe sich im Sommer aufgrund der akuten Überbelegung verdreifacht, berichtet Frank. Besonders die Zahl der Betten auf geschlossenen Stationen sei begrenzt. „Das platzt aus allen Nähten.“

Wegen des Platzmangels müssen Patienten häufiger innerhalb der Klinik verlegt werden. „Wir müssen aufnahmedruckgetrieben die Leute schneller durchschieben, so dass es auch schneller zu Beziehungsabbrüchen kommt“, sagt Chefarzt Frank. Dadurch bekomme man Warnsignale schlechter mit, merke schwelende Konflikte nicht. „Beziehungskontinuität ist wichtig“, sagt Frank. Wenn es heute Probleme zwischen Zimmergenossen gebe, könne es sein, dass man fünf oder sechs Patienten querverlegen müsse, bis man wieder eine stimmige Kombination habe, berichtet ein Pfleger auf Station 73.

Wolfgang Maier hat die Überbelegung am eigenen Leib gespürt. Für ein Jahr wird er ausquartiert in ein anderes Gebäude, lebt in einer Art WG ohne Klinikpersonal, pendelt für Therapie und Essen zwischen Häusern hin und her. Zehn Tage schläft er sogar mit anderen Patienten in einem Matratzenlager in einem Veranstaltungssaal. Seit zweieinhalb Jahren lebt er nun zufrieden auf der Station 73.

Auf Probe nach draußen

Morgen muss Maier wieder umziehen. Seine Probe-Beurlaubung beginnt, eine Art Bewährungsphase von sechs Monaten zurück in ein normales Leben. Maier wird in eine Wohngemeinschaft im Großraum Stuttgart ziehen. Wirklich frei ist er aber nicht. Er muss seine Medikamente nehmen, muss einer Arbeit nachgehen, muss erreichbar sein, sich regelmäßig bei seiner Station melden, einen Psychiater aufsuchen, ambulante Hilfe in Anspruch nehmen, Alkohol und Drogen sind tabu. „Er muss jetzt ganz viele Spielregeln beachten. Wenn er gegen die verstößt, ist er schneller wieder hier, als er sich umdrehen kann“, sagt Chefarzt Frank.

Wolfgang Maier freut sich auf ein geregeltes Leben. Er habe lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass er krank ist, sagt er. Heute kann er die lange Liste lateinischer Namen und Milligrammwerte der Stoffe herunterrattern, die er täglich schlucken muss. 30 Kilo habe er zugenommen wegen der vielen Medikamente. Aber er weiß, wie wichtig diese Pillen sind. Wenn er sie nicht mehr nimmt, können die Wahnvorstellungen zurückkehren. Maier glaubt daran, dass er sich im Griff hat. „Ich betrachte mich wie einen trockenen Alkoholiker, der auch nie geheilt wird.“ Er wird mit seiner Krankheit leben müssen.

Die Patienten müssten die Erkenntnis gewinnen, dass sie ein Leben lang krank bleiben, meint Chefarzt Frank. „Es gibt Leute, die nach fünf Jahren jede Krankheit bestreiten und immer noch sagen, sie seien hier falsch eingewiesen“, sagt er. Bei Wolfgang Maier macht er sich aber keine Sorgen. Zum Abschied gibt er seinem Patienten die Hand und sagt: „Ich hoffe, dass wir uns beruflich nicht mehr sehen.“ (dpa)

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