DDG fordert

Mit Vernunft und Verstand zurück zur Normalität in der Diabetesversorgung

Wegen der COVID-19-Pandemie bleiben viele Diabetespatienten den Krankenhäusern und Praxen fern. Ärzte fordern deshalb, die Regelversorgung wieder behutsam hochzufahren.

Von Thomas Hommel Veröffentlicht: 01.06.2020, 08:02 Uhr
Mit Vernunft und Verstand zurück zur Normalität in der Diabetesversorgung

Selbstkontrolle ist gut, aber Diabetespatienten müssen auch in Corona-Zeiten ärztlich betreut werden.

© Microgen / stock.adobe.com

Berlin. Fachärzte aus Endokrinologie und Diabetologie rufen zur behutsamen Rückkehr in die Regelversorgung chronisch Kranker auf. „Wir sollten jetzt mit Vernunft und Verstand zu einer gewissen Normalität zurückkommen“, sagt die Präsidentin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), Professor Monika Kellerer, der „Ärzte Zeitung“.

Wegen der Coronavirus-Pandemie sei es zu einem „starken Rückgang“ der Patientenzahlen in Praxen, Kliniken und Notfallambulanzen gekommen, so Kellerer. „In meiner Abteilung ist das Patientenaufkommen um etwa 40 Prozent reduziert gewesen“, sagt die Ärztliche Direktorin des Zentrums für Innere Medizin I am Marienhospital in Stuttgart. Mancherorts seien auch Diabetesabteilungen zugunsten der Versorgung von COVID-19-Patienten geschlossen worden.

Viele Patienten bleiben zu Hause

„Wegen der Pandemie sind dramatische Einbrüche beim Patientenaufkommen zu verzeichnen“, berichtet auch der Ärztliche Direktor und Chefarzt am St. Josefskrankenhaus Heidelberg, Dr. Erhard Siegel.

Viele Menschen nähmen wichtige Kontroll- oder Behandlungstermine nicht mehr wahr oder blieben bei akuten Beschwerden zu Hause. „Aus Rücksicht auf das Gesundheitssystem, aufgrund falsch verstandener Ausgangsbeschränkungen oder aus Angst, sich mit dem Coronavirus anzustecken“, sagt DDG-Präsidentin Kellerer. „Die Auswirkungen zeigen sich wahrscheinlich, wie bei anderen chronischen Erkrankungen, erst im langfristigen Verlauf.“ Gravierend könnten sie aber allemal sein.

Vor allem mehrfacherkrankte Diabetespatienten sollten bei schlechten Blutzuckerwerten oder Veränderungen ihres Gesundheitszustandes weiter umgehend ärztliche Hilfe ersuchen, sagt DDG-Mediensprecher Professor Baptist Gallwitz. Ein schlecht kontrollierter Diabetes könne schwere Folgen haben.

„Liegt beispielsweise der HbA1c-Wert über einen längeren Zeitraum nur etwa zwei Prozentpunkte über dem Therapieziel, steigt das Risiko für Folgeerkrankungen erheblich an“, so Gallwitz. Umgekehrt stellten schwere Hypoglykämien für Diabetespatienten eine unterschätzte akute Gefahr dar.

Video- und Telefonsprechstunden seien in Zeiten wie Corona eine sinnvolle Ergänzung, sagt DDG-Präsidentin Kellerer. „Den direkten Kontakt zum Arzt können sie nicht ersetzen – vor allem dann nicht, wenn es um die Behandlung eines neu manifestierten Diabetes-Typ-1 oder um akute Komplikationen geht.“ In solchen Fällen brauche es die körperliche Untersuchung durch den behandelnden Arzt.

Menschenleben in Gefahr?

Die Spitze der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) hatte im Interview mit der „Ärzte Zeitung“ ebenfalls gewarnt, ohne eine Rückkehr der Praxen in den Regelbetrieb seien Menschenleben in Gefahr. „Es gibt ja die ersten, die befürchten, dass Patienten möglicherweise deshalb sterben werden, weil sie eigentlich verfügbare und bekannte Behandlungen nicht oder zu spät bekommen, weil alles unter den COVID-19-Maßnahmen reduziert worden ist“, so KBV-Vorstandschef Dr. Andreas Gassen.

DDG-Präsidentin Kellerer betont, der „Lockdown“ wegen der Pandemie sei nicht per se falsch gewesen. „Keiner konnte wissen, was da auf uns zukommt.“ Die mitunter „apokalyptischen Bilder“ aus italienischen Krankenhäusern hätten dabei sicher Einfluss auf die politischen Entscheidungen gehabt. „Keiner wollte, dass wir das auch erleben müssen.“

Medizinisches Personal mehr testen

Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen hätten die Ausbreitung des Virus verlangsamen können, „sodass wir das Infektionsgeschehen derzeit relativ gut beherrschen“, sagt Kellerer. Dennoch verschwinde Corona nicht einfach. Deswegen auf Dauer die Regelversorgung herunterzufahren, „das geht aber nicht“. Die gesundheitlichen Nebeneffekte wären immens.

Auch Diabetologe Siegel betont: „Jetzt, da die erste Phase der Pandemie vorüber ist, sollten wir wieder in die Regelversorgung trotz Corona zurückkehren.“ Es gäbe auch andere Erkrankungen, die dringend ärztlicher Behandlung und Abklärung bedürfen. „Es gilt, in Phase 2 die richtige Balance zu finden zwischen Regelversorgung und Krisenmodus. Das muss regional geschehen, denn die Erfahrung zeigt, dass Ausbrüche nicht flächendeckend eintreten“, sagt Siegel.

Einfach sei die Rückkehr zur Normalität nicht, sagt DDG-Präsidentin Kellerer. Per Verordnung gehe das jedenfalls nicht. Die Sorgen der Menschen blieben ja  – auch die Angst, sich im Krankenhaus oder in der Praxis mit Corona anzustecken.

Kellerer spricht sich daher für mehr Testungen von Ärzten und Pflegekräften aus. „Ich persönlich bin eine Verfechterin des breiten Testens in Krankenhäusern und anderen Gesundheitseinrichtungen. Ich bin auch dafür, dass es regelmäßig Abstriche beim ärztlichen und pflegerischen Personal gibt – wenn möglich im wöchentlichen Turnus.“

Für den Heidelberger Diabetes-Experten Siegel steht derweil fest: „Die dritte Phase, eine Art Entspannung, gibt es erst mit dem Vorliegen eines effektiven Impfstoffs. Wobei klar ist, dass nicht die gesamte Republik über Nacht immunisiert werden kann.“

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