Barmer-Forum

Mit den „flying doctors“ das Land versorgen

Ideen, wie die medizinische Versorgung auf dem Land in Zukunft gesichert werden kann, gibt es reichlich. Was wo am besten wirkt, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Dirk SchnackVon Dirk Schnack Veröffentlicht:
Viele Ärzte wollen nicht auf dem Land arbeiten.

Viele Ärzte wollen nicht auf dem Land arbeiten.

© Marco2811 / fotolia.com

LÜBECK. Die künftige ambulante Versorgung ist längst nicht in allen Regionen sichergestellt. Der norddeutsche Dialog der Barmer in Lübeck zeigte, dass die Sichtweisen auf dieses Thema je nach Herkunft und Tätigkeit völlig unterschiedlich ausfallen.

Der in Hamburg niedergelassenen HNO-Arzt Dr. Dirk Heinrich etwa, der unter anderem Vorsitzender der Vertreterversammlung und Bundeschef des NAV Virchowbundes ist, sieht den „weltweiten Trend zur Urbanisierung“ als gegeben an – mit den daraus resultierenden Folgen für die ärztliche Versorgung.

Er rät dazu, diese Entwicklung zu akzeptieren und daraus Konsequenzen zu ziehen. Ein plausibler Lösungsansatz wäre für Heinrich, wenn sich Ärzte künftig von Städten aus an ausgewählten Tagen als „flying doctors“ aufmachen, um die verbleibende Landbevölkerung zu versorgen.

Auch Kindergärten helfen nicht

Er hält dies für vielversprechender, als Ärzte mit immer neuen Varianten auf das Land zu locken – wo eine Mehrzahl von ihnen nach seiner Wahrnehmung nicht arbeiten möchte. „Das werden wir auch nicht mit ein paar Kindergärten auf dem Land ändern“, ist er überzeugt.

Um die ärztliche Tätigkeit attraktiver zu machen, empfahl Heinrich der Politik Niederlassungsfreiheit und Aufhebung der Budgets. Als Vorbild könne die Zahnmedizin dienen, wo trotz Niederlassungsfreiheit kaum Versorgungslücken auftreten.

Ganz anders die Perspektive in Mecklenburg-Vorpommern. Stefan Sternberg, Landrat des zweitgrößten deutschen Landkreises Ludwigslust-Parchim, wehrte sich gegen eine Wortwahl, die ländliche Regionen als weniger attraktiv abstempeln als Städte. „Wir reden über ländliche Räume, als wäre das etwas schlechtes“, sagte Sternberg.

Das Land nicht schlecht reden

Für ihn ist das Gegenteil der Fall. Er beschrieb seinen Kreis als lebenswert und entgegen der landläufigen Meinung als wachsende Region mit steigenden Bevölkerungszahlen. Nur: An Ärzten mangelt es trotzdem, nicht alle Vertragsarztsitze sind besetzt und die Entfernung zu bestimmten Fachärzten ist groß.

„Jede Bürgersprechstunde dreht sich um das Thema“, sagte Sternberg. Er hält Verweise auf die Verantwortung der Kommunalpolitik für nicht gerechtfertigt – denn die gewünschte Infrastruktur und finanzielle Vorteile für Ärzte könne nicht jede Region bieten. „Welcher ehrenamtliche Bürgermeister soll das lösen?“, fragte der Landrat.

Selbstverwaltung „verkrustet“

Er spielte den Ball in Richtung Politik und Selbstverwaltung. Die KV Mecklenburg-Vorpommern beschrieb er als wenig entgegenkommend, wenn man flexible Lösungen sucht: „Wir rennen dort gegen Wände.“ Das selbst verwaltete Gesundheitswesen nimmt er als verkrustet wahr.

In Schleswig-Holstein wiederum gibt es die Modelle, die in Mecklenburg-Vorpommern noch Mangelware sind. Ob kommunale Eigeneinrichtungen, MVZ oder andere Modelle aber als Blaupause dienen, bezweifelte Dr. Svante Gehring. Der erste Sprecher der Ärztegenossenschaft Nord, die diese Modelle initiiert und managt, stellte klar: „Man kann Modelle nicht eins zu eins übertragen.“

Er machte auch deutlich, wen er für Lücken in der ambulanten Versorgung verantwortlich hält: „Es war eine politische Entscheidung, den ambulanten Sektor abzurüsten.“ Die bestehenden Probleme in der Gesundheitsversorgung hält er für hausgemacht und vorhersehbar: „Es hätte nicht so weit kommen müssen.“

Henning Kutzbach von der Barmer in Mecklenburg-Vorpommern sieht das ähnlich: „Die Probleme wurden nicht zu spät erkannt, es wurde nur zu spät reagiert.“ Für sein Bundesland zeichnen sich Lösungen ab – Gehring berichtete von Gesprächen im benachbarten Bundesland zur Frage, wie dort an einzelnen Standorten neue Modelle erprobt werden könnten.

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