Transplantationsskandal

Nephrologen fordern und brauchen Aufklärung

Die mutmaßlich manipulierten Transplantationen in Göttingen, Regensburg und jetzt München treiben offenbar auch die Nephrologen um. Auf ihrer Jahrestagung in Hamburg forderte die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) Aufklärung bis ins "kleinste Detail", was die mutmaßlich manipulierten Transplantationen betrifft.

Veröffentlicht: 08.10.2012, 15:33 Uhr

HAMBURG (nös). "Wir müssen die Fehler im System eradizieren", sagte Co-Tagungspräsident Privatdozent Karl Wagner. Der Nephrologe von der Asklepios Klinik Barmbek meinte damit das "menschliche Versagen" der Ärzte, die unter Verdacht stehen, mittels erfundener Laborwerte und Dialysen die Wartelisten manipuliert zu haben.

Von den Skandalen sind zwar nur Leberspenden betroffen, dennoch kratzen die Fälle auch am Ruf des gesamten deutschen Organspendesystems.

Auch Nephrologen mittelbar vom Skandal betroffen

Und so ist indirekt auch die Nephrologie von dem Skandal betroffen. Immerhin ist sie das Fach mit den meisten Transplantationen.

Zum 1. Januar dieses Jahres standen allein 7873 Nierenpatienten aus Deutschland auf der Eurotransplant-Warteliste. Dem gegenüber stehen gerade einmal 1911 Menschen, die 2011 eine neue Niere bekommen hatten.

Rein rechnerisch muss jeder Patient also fünf Jahre auf die dringend benötigte Niere warten. Und die Wartezeiten könnten noch weiter steigen, denn offenbar sinken die postmortalen Nierenspenden.

"Wir haben einen Rückgang von knapp zehn Prozent", sagte Wagner. Zwar seien die Ursachen "multifaktoriell", zum Problem werden aber zunehmend Ablehnungen durch Angehörige, die am Lebensende unsicher sind, wie der Verstorbene zur Organspende gestanden hat. Notfalls werde dann gegen die Organentnahme entschieden.

"Ein weiterer Grund ist der Respekt der Ärzte vor dem Patienten, der hat zugenommen", sagte Wagner mit Blick auf Patientenverfügungen. "Wenn wir eine bekommen, halten wir uns daran."

So bleibt den Nephrologen nur, für die Spendebereitschaft zu werben. Wagner: "Wir müssen in das Bewusstsein der Menschen dringen."

"Spanische Verhältnisse" bei Organspende erwünscht

Er strebt "spanische Verhältnisse" an. Dort werden jedes Jahr etwa 30 Nieren pro eine Million Einwohner transplantiert, in Deutschland sind es gerade einmal 15.

Allerdings: In Spanien gilt die Widerspruchslösung, wonach zunächst erst einmal jeder Bürger Organspender ist. Dieses System hätte die DGfN gerne auch in Deutschland gehabt, politisch gilt es aber als kaum durchsetzbar.

Wagner: "Das wurde vor Jahren bereits versucht. Damals machte das böse Wort der Staatsleichen die Runde." Damit war das Vorhaben damals tot.

So hilft nur das Werben und das "Vor-Ort-Gehen", so Wagner. Doch dabei kommt der Transplantationsmedizin, und eben auch den Nephrologen, der Skandal von Göttingen, Regensburg und München nicht gelegen.

Eine kritische Rolle spielen für Wagner auch die Medien - sie haben den Begriff des "Organspendeskandals" geprägt. Das Wort sei absolut falsch. Schließlich handele es sich doch um einen Skandal der Vermittlung, also müsse man von "Organvermittlungsskandal" sprechen.

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