Zukunft der Versorgung

Nicht alles ist Schrott! Aber Vieles noch Theorie

Über die sektorenübergreifende Versorgung wird viel nachgedacht. Getan wird noch zu wenig.

Von Anno FrickeAnno Fricke Veröffentlicht:

„Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist“, lautet ein Zitat. Klingt gut, ist so aber nicht ganz richtig. Die Beharrungskräfte des deutschen Gesundheitswesens zum Beispiel schaffen es, einer Überwindung der Sektorengrenzen zu widerstehen.

Und das, obwohl viele Beteiligte gerne und im Brustton der Überzeugung seit Jahrzehnten die Notwendigkeit betonen, diese Mauern im Sinne einer besseren Patientenversorgung schleifen zu wollen. In der auslaufenden Legislaturperiode ist Vieles angefasst worden, die sektorenübergreifende Versorgung blieb unvollendet.

Schon 2007 hat der Sachverständigenrat Gesundheit in einem Gutachten das „ambulante multiprofessionelle Team, das die Versorgung einer älter werdenden, vermehrt an chronischen und multiplen Erkrankungen leidenden Bevölkerung zur Aufgabe hat und alle Berufsgruppen umfasst, die für die Versorgung in der Fläche notwendig sind“, zum Thema gemacht. Und seither immer wieder, zuletzt im März mit einem Gutachten zur Digitalisierung.

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Wirklich zum Fliegen gebracht hat die Politik diese Ideen bislang nicht, obwohl die Gesellschaft wenig überraschend in der Tendenz seither noch älter geworden ist. Erst ganz allmählich wurden banale Hindernisse wie die Modernisierung der Curricula in den Heilberufen und die Überwindung des interprofessionellen Kommunikations-Standards per Fax angegangen. Druck übt nun zunehmend die Zivilgesellschaft aus. Die Zukunftsagenda der Robert Bosch Stiftung mag als Beispiel dafür gelten, die „Berliner Erklärung“ von TU Berlin, Pfizer und Springer Medizin ebenfalls.

Auch in den Sektoren regt sich etwas. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat kleine Krankenhäuser ermitteln lassen, die zu intersektoralen Gesundheitszentren umgewidmet werden könnten. Sogar die starre Haltung bei Vertretern der Krankenhauslobby scheint einer gewissen Aufgeschlossenheit für Veränderungen zu weichen.

Bislang hat das, was das Gesundheitswesen zu bieten hat, irgendwie gereicht, um einen guten Ruf der medizinischen und pflegerischen Versorgung aufrecht zu erhalten.

„Wir leben immer länger, und wir leben immer länger gesund. Es ist nicht alles Schrott in Deutschland“, reagierte der ehemalige SPD-Fraktions-und Bundesvorsitzende, aktuell Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaften der Seniorenorganisationen Franz Müntefering auf die ausufernde Systemkritik bei einer Veranstaltung der Robert Bosch Stiftung.

In der nächsten Legislaturperiode sollten sich nicht nur die Gesundheitspolitiker der Wahrheit stellen, dass ein schlichtes Weiter so nicht reicht, um die längst sichtbaren Probleme der alternden Gesellschaft unter dem Deckel zu halten. Die Zeit der Theorie geht zu Ende. Jetzt ist Praxis gefragt.

Schreiben Sie dem Autor: anno.fricke@springer.com

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