Schmerztherapeuten

Norden liegt unter Bundesdurchschnitt

Eine unzureichende Versorgung von Schmerzpatienten beschäftigt neben der Selbstverwaltung auch die Landespolitik in Schleswig-Holstein. Politiker ermuntern Selbsthilfegruppen und Patienten, stärker über die bestehenden Probleme zu informieren.

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KIEL. Gesundheitspolitiker aus vier Landtagsfraktionen waren sich bei einer Veranstaltung der Piratenpartei einig, dass die Versorgung der Schmerzpatienten in Schleswig-Holstein verbessert werden muss. CDU, FDP, Grüne und Piraten machten auch ihre Erwartungshaltung an die Selbstverwaltung deutlich.

Derzeit ist die Versorgungslage nach Einschätzung von Ärzten und Patienten insbesondere in der westlichen Landeshälfte prekär. Ein Schmerzpatient aus Meldorf an der Westküste etwa berichtete von einem wöchentlichen Arztbesuch bei einem Kieler Schmerzspezialisten - Zeitaufwand pro Fahrt rund zwei Stunden.

Andere Patienten beklagen lange Wartezeiten. Heike Norda von der Patienteninitiative SchmerzLos stellte als Forderung eine maximale Wartezeit von vier Wochen auf einen Termin bei einem Schmerztherapeuten - derzeit kann dies zum Teil bei mehreren Monaten liegen.

Bedarfsplanung als Problem

Außerdem fordert die Vereinigung mehr Mitbestimmung für Patienten in gesundheitspolitischen Entscheidungen. Hierin wurden sie von den Gesundheitspolitikern unterstützt.

In Schleswig-Holstein gibt es rund 79.000 Schmerzpatienten. 37 Ärzte nehmen an der Schmerztherapie-Vereinbarung teil, dies entspricht 30 Versorgungsaufträgen. Unter diesen Ärzten sind 15 ermächtigte Klinikärzte und 22 niedergelassene Ärzte, davon zwölf Anästhesisten, fünf Nervenärzte, vier Hausärzte und zwei Neurochirurgen.

Hinzu kommen 159 Ärzte, die die Zusatzbezeichnung ,spezielle Schmerztherapie‘ führen dürfen. Weil sich Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen mit dem Querschnittsfach beschäftigen, sorgt die Bedarfsplanung für Probleme: Ein Anästhesist, der in der Schmerzversorgung engagiert ist und seinen Kassenarztsitz weitergibt, wird zwar durch einen Anästhesisten ersetzt - dieser muss aber nicht zwangsläufig in der Schmerzversorgung tätig sein.

Damit brechen Kapazitäten in der Schmerzversorgung oft ersatzlos weg. Die Einführung eines Facharztes für Schmerzmedizin - für den die KV dann auch eine Bedarfsplanung vornehmen müsste - hält Ärztekammerpräsident Dr. Franz Bartmann für wenig aussichtsreich. Er sprach sich für eine berufsbegleitend zu erwerbende Zusatzqualifikation aus. "Das muss sich aber auch finanziell lohnen", sagte Bartmann.

Irrational und uneinheitlich

Denn nach Angaben des Schmerztherapeuten Dr. Jochen Leifeld liegt der Umsatz von Schmerzmedizinern deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt aller Fachgruppen. Wegen Beschränkungen in der Vergütung befänden sich die Schmerzmediziner "mit der Fußfessel im Hamsterrad", so Leifeld.

Folge: Der Jahresumsatz von Schmerzmedizinern erreicht im bundesweiten Durchschnitt nach seinen Angaben nur knapp 200.000 Euro. Leifelds Urteil über die Vergütung für ambulante Schmerztherapeuten: "Irrational und uneinheitlich bis widersinnig." Nur eine Ausbudgetierung könnte nach seiner Ansicht den Leistungen gerecht werden und zugleich die Nachwuchsfrage lösen. 

Die KV Schleswig-Holstein arbeitet an einem Konzept, um die Versorgung zu verbessern und im Bedarfsplan zu berücksichtigen. Dazu soll zunächst festgestellt werden, wie viele Versorgungsaufträge erfüllt werden müssen. Einmal im Jahr soll dann ermittelt werden, wie viele Versorgungsaufträge erfüllt werden und fehlende Versorgungsaufträge sollen zur Besetzung ausgeschrieben werden.

Ein auch von der KV schwer zu lösendes Problem: Es gibt wahrscheinlich nicht genügend Ärzte, die sich darauf bewerben. Unsicher ist auch, ob der Standard gehalten werden kann.

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