Vorstände im Interview

Novo Nordisk: Gerade jetzt Diabetes im Blick behalten!

Die Pandemie hat die Versorgung von Diabetikern nicht leichter gemacht: Jetzt sei wichtig, den Kontakt zwischen Arzt und Patienten aufrecht zu erhalten, nicht nur mit Blick auf eine gute Einstellung, sondern auch mit Blick auf Ko-Morbiditäten, erläutern Jesper Larsen und Dr. Matthias Schweitzer von Novo Nordisk im Interview.

Von Wolfgang van den Bergh Veröffentlicht:
Jesper Wenzel Larsen: Digitale Arzt-Patienten-Kommunikation hat ihre Grenzen.

Jesper Wenzel Larsen: Digitale Arzt-Patienten-Kommunikation hat ihre Grenzen.

© Michaela Illian

Ärzte Zeitung: Herr Larsen, Herr Dr. Schweitzer, seit ziemlich genau zwölf Monaten dreht sich fast alles um COVID-19. Müssen wir uns Sorgen machen, dass Volkskrankheiten wie Diabetes in Vergessenheit geraten?

Jesper Larsen: Ich würde nicht soweit gehen, dass diese Krankheiten in Vergessenheit geraten. Was aber feststeht ist, dass viele Patientinnen und Patienten 2020 nicht zum Arzt gegangen sind, aus Sorge, sich mit COVID-19 zu infizieren. Nach Angaben von Kassen waren es bis zu 40 Prozent. Auf die Population der Menschen mit Diabetes hochgerechnet bedeutet das, dass viele Menschen mit Diabetes nicht diagnostiziert worden sind.

Dr. Matthias Schweitzer: Die Pandemie zeigt uns zwei Dinge: Man kann nicht vorhersagen, wie schwer die Krankheit verläuft, und es gibt Risikogruppen, die statistisch gesehen, schwerere Verläufe haben.

Dazu gehören Menschen mit chronischen Erkrankungen. Also auch Menschen mit Diabetes, sicherlich nicht per se, aber vor allem dann, wenn sie schlecht eingestellt sind. Ein erhöhtes Risiko besteht auch, wenn diabetesbedingte Begleit- oder Folgeerkrankungen wie Herz-Kreislauf-Probleme oder Organschäden vorliegen.

Über sieben Millionen Menschen in Deutschland haben Diabetes, jährlich kommen 500.000 hinzu. Inwiefern sind diese Menschen durch COVID-19 besonders gefährdet? Nur die schlecht Eingestellten?

Schweitzer: Ja, auf diese Patienten muss man besonders achten. Eine gute Einstellung hilft Menschen mit Diabetes und anderen chronischen Erkrankungen, robust durch diese Erkrankung zu kommen. Hinzu kommen aber noch die etwa zwei Millionen unentdeckten Menschen mit Diabetes.

Dr. Matthias Axel Schweitzer

  • Aktuelle Position: Seit 2016 leitet er als Medizinischer Direktor den Bereich Klinische Entwicklung, Medizin und Arzneimittelzulassung und -sicherheit (CMR) bei Novo Nordisk Deutschland.
  • Ausbildung: Facharzt für Innere Medizin und Notfallmedizin; Herr Dr. Schweitzer hält zudem einen MBA der Aston Business School, Birmingham, UK.
  • Karriere/Interessen: Seit 1997 in der pharmazeutischen Industrie in verschiedenen leitenden Positionen tätig. Sein besonderes Interesse gilt den Bereichen Diabetes und metabolischem Syndrom, speziell der Insulinpharmakologie, sowie kardiovaskulären Erkrankungen. Er ist Mitglied der Deutschen Diabetes Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), der deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), der europäischen (EASD) sowie der amerikanischen Diabetesvereinigung (ADA).

. . . sollten die gefährdeten Menschen früher geimpft werden?

Schweitzer: Bundesregierung, RKI und STIKO haben die Reihenfolge der Impfungen bei den infrage kommenden Gruppen sehr sorgfältig geplant. Klar ist aber auch, dass das RKI gesagt hat, im Einzelfall solle man hochgefährdete Menschen und Patientengruppen impfen. Bis wir hier bei den großen Zahlen sind, kann es nur zwei Empfehlungen geben: Infektionsvermeidung und eine gute Einstellung und Behandlung.

Sie haben es gesagt: Nach Kassen-Angaben bis zu 40 Prozent weniger Arztbesuche. Wie bekommt man die Situation wieder in den Griff?

Larsen: Hier möchte ich die Rolle der Fachgesellschaften herausstellen. Sie machen in der Krise wirklich eine gute Informationspolitik, in dem sie Patienten immer wieder darauf hinweisen, den Arzt aufzusuchen.

Der persönliche Kontakt ist das eine. Die Pandemie zeigt aber auch, wie wichtig die Digitalisierung ist. Ist das eine respektable Alternative?

Larsen: Die Erstdiagnose erfolgt ja meistens beim Arzt in der Praxis. Wenn man dann gut eingestellt ist, können viele Angebote wie Schulungen oder Nachkontrollen digital durchgeführt werden. Wir haben ja alle seit Beginn der Pandemie lernen müssen, welche Möglichkeiten digitales Arbeiten schafft. Gleichermaßen ist es wichtig, darauf zu achten, dass die Rahmenbedingungen stimmen und Ärzte sowie Diabetes-Beraterinnen und -Berater diese Leistungen auch entsprechend abrechnen können.

Jesper Wenzel Larsen

  • Aktuelle Position: Seit Juni 2019 Geschäftsführer von Novo Nordisk in Deutschland
  • Ausbildung: Diplom-Kaufmann
  • Karriere: Der gebürtige Däne Jesper Wenzel Larsen ist seit 1992 in unterschiedlichen Positionen und Ländern für Novo Nordisk tätig. Seine Karriere startete der Diplom-Kaufmann im Bereich Finanzen in Deutschland und der Schweiz und später als General Manager für die Länder Österreich und Schweiz. Bevor er 2019 als Geschäftsführer nach Deutschland kam, war er vier Jahre lang als Corporate Vice President in der Region North & Central tätig.

Vieles ist machbar und möglich, ich denke an elektronische Messungen, Datenübertragungssysteme und automatischer Dosisanpassungen. Wie schafft man es, Ärztinnen und Ärzte hier mitzunehmen?

Larsen: Ich bin überzeugt davon, dass es hier unter den Ärztinnen und Ärzten einen großen Konsens gibt. Zumal ja auch klar ist, dass nicht alles digital gelöst werden kann . . .

Dr. Matthias Axel Schweitzer im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“.

Dr. Matthias Axel Schweitzer im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“.

© Michaela Illian

. . .sieht das der Internist Dr. Schweitzer auch so?

Schweitzer: Ja, absolut. Digitalisierung ist ein Prozess. Die Pandemie hat gezeigt, dass dieser Prozess vorangetrieben werden kann, etwa durch die Videosprechstunde, die Telemedizin oder Online-Visiten. Das ist gut und richtig, wird aber am Ende den direkten Arzt-Patienten-Kontakt nicht vollständig ersetzen können. Es kommt auf die richtige Balance an.

Larsen: Dabei wäre mir auch wichtig, dass gerade der Einsatz neuer technischer Devices einheitlich erfolgt. . .

Das heißt?

Larsen: . . .denken Sie an die vielen Apps. Diese sind hilfreich, aber man sollte auf die Einhaltung einheitlicher Standards achten. Das gleiche gilt für Messverfahren. Was ich damit sagen möchte ist, dass wir beim Einsatz digitaler Tools Erwartungen beim Patienten wecken, die sich später nicht erfüllen.

Nicht nur in Sachen Technik gibt es Innovationen. Viele Arzneimittel haben großen Einfluss auf Komorbiditäten – etwa bei Diabetikern mit Adipositas oder kardiovaskulären Erkrankungen. In welche Richtung fährt der Forschungs-Zug bei Novo?

Larsen: Schauen Sie, dieses Jahr feiert das Insulin den 100sten Geburtstag. 1921 kam es zum ersten Mal erfolgreich zum Einsatz. Seit fast 100 Jahren fokussieren wir uns darauf, den Diabetes zu besiegen – primär durch Innovationen. Dabei gibt es einen ganzen Strauß verschiedener Ansätze, die wir erfolgreich zum Ziel bringen möchten, etwa in der Insulin-Forschung, weniger Testungen und langwirksame Insuline. Aber auch in den Darreichungsformen, wie bei der Entwicklung eines oralen GLP-1-Agonisten. Hinzu kommen Forschungen zu den Ko-Morbiditäten Adipositas oder den kardiovaskulären Erkrankungen.

Schweitzer: Stichwort kardiovaskuläre Erkrankungen: Hier setzen wir nicht nur auf eigene Moleküle, sondern kaufen andere hinzu. Damit erweitern wir unser Portfolio. Ein Beispiel dafür ist der Zukauf des Anti-IL-6-Antikörpers Ziltivekimab, ein Molekül zur Behandlung und Prävention schwerer kardiovaskulärer Ereignisse und Entzündungen bei chronisch niereninsuffizienten Patienten.

Lassen Sie uns über Rybelsus® reden. Der erste GLP-1-Rezeptoragonist, der als Tablette eingenommen wird. Novo ist dafür mit dem Galenus-von Pergamon-Preis ausgezeichnet worden. Was erwarten Sie, wie sich die HTA-Behörden positionieren?

Larsen: Ich bitte um Verständnis, wenn wir zu einem laufenden Verfahren nichts sagen. Nur so viel. Es sind eben nicht nur neue Moleküle, auf die wir unsere Forschungsanstrengungen konzentrieren. Wir beschäftigen uns auch mit Fragen, ob es eine orale Alternative zur Injektion geben kann. Es gibt Patienten, für die das sehr gut ist, eine Alternative zu haben. Das hat auch mit Lebensqualität und Therapie-Adhärenz zu tun. Nur so können die positiven Wirkungen von Sema- glutid auch erreicht werden. Übrigens: Aus medizinisch wissenschaftlicher Sicht ist das ein Meilenstein.

Es gab lange den Vorwurf, dass Antidiabetika kaum Chancen hätten, im HTA-Prozess gut bewertet zu werden. Ist das heute anders?

Schweitzer: Sagen wir so, es tut sich etwas, und das ist gut. Das sehen wir zum Beispiel auch daran, dass Ergebnisse aus den großen kardiovaskulären Outcome-Studien in die Bewertungen einbezogen werden. Hier ist sicherlich noch einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten. Insbesondere der Nachweis langfristiger Effekte bei einer chronischen Erkrankung wie Diabetes ist hier ein großes Thema. Positive Effekte neuer Therapien zeigen sich ja erst viel später in der Verminderung bedeutsamer Folgeerkrankungen und damit auch in der Bedeutung für die Patientinnen und Patienten und auch für die Belastung des Gesundheitssystems. Wichtig ist aber auch, die Fachgesellschaften an den Tisch zu holen. Wir wollen auch möglichst früh erfahren, wie Studiendesigns auszusehen haben.

Übersetzt heißt das: Sie wünschen sich ein größeres Mitspracherecht der Fachverbände – auch der Patientenvertreter?

Schweitzer: Ja, und auch die Patientenstimmen können dazu beitragen, dass mehr gesehen und verstanden wird, was im Alltag die Therapie vereinfacht und verbessert.

Inwieweit könnte auch eine einheitliche europäische Nutzenbewertung hilfreich sein, und welche Rolle sollten die deutschen HTA-Gremien dann spielen?

Larsen: Es wäre von großem Vorteil, die Prozesse bei den klinischen Studien zu harmonisieren. Über Ausgestaltung und Form kann man diskutieren. Wenn alle einzelnen Mitgliedsländer den Prozess anerkennen, dürften keine weiteren nationale Kriterien draufgesattelt werden.Im Sommer 2020 hat sich die Politik nach langem, zähen Ringen für eine Nationale Diabetes-Strategie ausgesprochen. Ist das ein erster Schritt, um das oben beschriebene dramatische Szenario aufzuhalten?

Larsen: Wir freuen uns sehr darüber, dass dieses Thema ein wichtiger Punkt auf der gesundheitspolitischen Agenda ist.

Schweitzer: . . .mit ganz klaren Folgen, wie etwa der Aufforderung, neue Strukturen zu schaffen, um den beschriebenen Trend zu stoppen. Wir sehen jetzt schon, wie schwierig es ist, überall eine flächendeckende Versorgung sicherzustellen. Wichtig ist in dem Kontext auch, das Thema Adipositas stärker in den Fokus zu rücken. Binnen zwei Jahren soll ein Disease-Management-Programm stehen – ein wichtiger Schritt im Kampf gegen Diabetes und Adipositas.

Novo Nordisk Pharma GmbH

  • Branche: Novo Nordisk ist ein globales Unternehmen der Gesundheitsbranche und durch seine Innovationen seit über 95 Jahren führend in der Diabetesversorgung. Das Unternehmen wurde 1923 gegründet, hat seinen Hauptsitz in Dänemark und ist in 80 Ländern vertreten. Deutscher Hauptsitz ist in Mainz. Rund 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten in der klinischen Forschung in Deutschland an der Entwicklung der nächsten Generation von Medikamenten.
  • Umsatz 2019: 16 Mrd. Euro weltweit.
  • Investitionen F&E 2019: ca. 11,7 % des Umsatzes.
  • Mitarbeiter 2019: weltweit 42 700, davon 470 in Deutschland.
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