Unionspläne

Ohne Arztbesuch direkt zum Physiotherapeuten

Gesundheitspolitiker der Union werfen sich für Heilmittelerbringer in die Bresche. Sie sollen "direkter" in die Versorgung eingebunden werden. Den Direktzugang der Therapeuten zum Patienten ohne Arzt will die Union aber nur "prüfen".

Florian StaeckVon Florian Staeck Veröffentlicht:
Ohne Rezept zum Physiotherapeuten - das wird bisher nur in Modellprojekten erprobt.

Ohne Rezept zum Physiotherapeuten - das wird bisher nur in Modellprojekten erprobt.

© Walter Luger / fotolia.com

BERLIN. Gesundheitspolitiker in der Unionsfraktion des Bundestags wollen Modellvorhaben erleichtern, die Patienten einen direkten Zugang zu Heilmittelerbringern ermöglichen.

Das geht aus einem Positionspapier der Arbeitsgruppe Gesundheit hervor, dass Ende März verabschiedet hat.

Die Arbeitsgruppe hat erstmals ein Papier zur Heilmittelbranche erarbeitet, bei dem die Überschrift Programm ist: "Heilmittelerbringer direkter in die Versorgung einbinden."

Federführend ist dabei der Gesundheitspolitiker Dr. Roy Kühne, der selber Physiotherapeut ist und im südniedersächsischen Northeim ein Gesundheitszentrum führt.

Im Koalitionsvertrag hatten Union und SPD vereinbart, Modellvorhaben "neuer Formen der Substitution ärztlicher Leistungen sollen aufgelegt und evaluiert werden". Je nach Ergebnis würden die Modellvorhaben "in die Regelversorgung überführt".

Durch die "direkte Versorgungsverantwortung" von Heilmittelerbringern, heißt es nun im Positionspapier, ergäben sich "Einsparpotenziale besonders in der Substitution von (...) ambulanten bzw. stationären Leistungen".

Umweg der Blankoverordnung

Direktzugang zur Physiotherapie?

Soll Patienten ein direkter Zugang zu Physiotherapeuten ermöglicht werden, wie es ein Unionspapier vorsieht?

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Zwischenergebnisse aus Modellprojekten von Kassen und Heilmittelerbringern zeigten, dass der "Patient von autonom erbrachten Behandlungen zum Beispiel in der Physiotherapie in stärkerem Ausmaß profitiert, als im Vergleich zu Behandlungen, die durch eine vertragsärztliche Verordnung vorgegeben werden".

Der Direktzugang zu Therapeuten soll zunächst über den Umweg der Blankoverordnung erfolgen. Dies wird zurzeit in einem Modellvorhaben der IKK Berlin-Brandenburg und dem dortigen Verband Physikalische Therapie (VPT).

Ende dieses Jahres sollen Ergebnisse vorliegen. 2016 sollten dann Verhandlungen über eine Umsetzung der Blankoverordnung starten. Ein Direktzugang des Patienten zu Therapeuten soll lediglich "geprüft" werden, heißt es in dem Papier.

Der Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten zeigte sich enttäuscht, denn durch dieses Vorgehen werde "die Steuerungsfunktion des Arztes zunächst weiter zementiert".

Verknüpft werden soll die Aufwertung von Heilmittelerbringern mit einer Qualifizierungsoffensive. Ihre Ausbildungsordnungen müssten "dringend an die heutigen Berufsstandards angepasst werden".

"Zwingend" müssten Zusatzqualifikationen für Screening, Diagnosestellung, Erstellung von Therapieberichten oder die Überweisungs- und Verordnungskompetenz in die Curricula integriert werden.

Gefordert wird in dem Papier der Wegfall des Schulgelds von rund 400 Euro monatlich. Nötig sei vielmehr eine Vergütung, um sinkenden Ausbildungszahlen zu begegnen. Richtschnur soll hier offensichtlich Paragraf 15 des Notallsanitäter-Gesetzes sein.

Darin wurde vor zwei Jahren eine Ausbildungsvergütung gesetzlich vorgeschrieben.

Weitere Forderungen:

  • Vergütung: Die AG Gesundheit spricht sich für eine Entkoppelung der Vergütung von der Grundlohnsumme aus. Diese Verknüpfung habe dazu geführt, dass die Gehälter von tariflich bezahlten Physiotherapeuten rund 40 Prozent höher lägen als die Vergütungen in freien Physiotherapiepraxen. Das Papier enthält keinen Hinweis, dass dieser Schritt bereits im Versorgungsstärkungsgesetz erfolgt.
  • Arbeitsbedingungen: Die Vorgaben für die Praxiszulassung sollen modifiziert werden. Die verpflichtende Vorhaltung von Praxisräumen für angestellte Therapeuten soll abgeschafft werden.
  • Telematik-Infrastruktur: "Perspektivisch" sollen alle nicht-verkammerten Gesundheitsberufe in die geplante Infrastruktur integriert werden. Genannt wird dazu das Stichwort elektronisches Gesundheitsberuferegister. Der erste Schritt zur Integration solle bereits im aktuell geplanten E-Health-Gesetz getan werden.

Der CDU-Politiker Kühne bezeichnet das Positionspapier als "starkes Zeichen" der Union, die "Heilmittelerbringer besser in die Versorgung einzubinden und vor allem den Beruf des Therapeuten zukunftsfähig und wieder attraktiv zu machen".

Er hoffe, dass die Forderungen schnell in den laufenden Gesetzgebungsvorhaben umgesetzt werden, sagte Kühne.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Geteilte Verantwortung

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