Direkt zum Inhaltsbereich

Betäubungsmittel

Opposition will Gesetzes-Check

Die Jagd auf Drogenkonsumenten verschlingt viele Ressourcen bei den Strafverfolgungsbehörden. Der Frust wächst. Grüne und Linke wollen nun das Betäubungsmittelgesetz auf den Prüfstand stellen.

Veröffentlicht:
Konsum von Kokain. Verbote wirken offenbar nur zu einem geringen Teil abschreckend.

Konsum von Kokain. Verbote wirken offenbar nur zu einem geringen Teil abschreckend.

© Gina Sanders / fotolia.com

BERLIN. 40 Jahre alt ist das Betäubungsmittelgesetz. Auch in der Erinnerung von Fachleuten ist noch nie wissenschaftlich untersucht worden, wie und in welcher Weise es sich auswirkt. Ein Antrag von Linken und Grünen im Bundestag soll dies ändern.

Er schlägt vor, eine externe wissenschaftliche Evaluierung des Gesetzes anzustoßen. Beabsichtigte und unbeabsichtigte Auswirkungen des Betäubungsmittelrechts sollen so überprüft werden.

Den Anstoß dafür hat eine Resolution von 122 Strafrechtsprofessoren gegeben, die die Eignung der Drogenprohibition und die Verhältnismäßigkeit der Jagd auch auf Drogenkonsumenten in Frage gestellt haben.

75 Prozent aller Drogendelikte gelten als Konsumentendelikte.

Die Suchtmediziner in Deutschland haben sich hinter die Forderung gestellt, das Betäubungsmittelgesetz aufzupolieren. Das Gesetz berücksichtige wesentliche medizinische Entwicklungen nicht, moniert Hans-Günter Meyer-Thompson für die Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin in einer Stellungnahme.

So sei das Abrücken der Ärzte vom Abstinenzdogma nicht berücksichtigt. Zu den bisherigen Säulen Prävention, Repression und Therapie sei die Schadensminderung hinzugekommen.

Kontrollierter Drogenkonsum

Das aber bedeutet kontrollierten Drogenkonsum ähnlich der Abgabe von reinem Heroin an besonders betroffene Abhängige. Bei anderen Drogen stößt der Ansatz der Schadensminderung regelmäßig auf die vom geltenden Recht gezogenen Grenzen.

Gerade in den Strafverfolgungsbehörden bestehen daher Zweifel, ob das Betäubungsmittelgesetz seine Ziele erreicht. Das geht aus den Stellungnahmen zu einer Expertenanhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestages am Mittwoch hervor.

Immerhin: Zwischen fünf und sechs Milliarden Euro geschätzt gibt die öffentliche Hand im Zusammenhang mit Drogengebrauch aus. Den Löwenanteil absorbieren Strafverfolgung und -vollzug.

"Unsere Verbote wirken nachweislich nur zu einem sehr geringen Teil abschreckend auf potenzielle Konsumenten", hat der Bund Deutscher Kriminalbeamter den Abgeordneten mitgeteilt. Eine generalpräventive Wirkung der Drogenprohibition sei bislang wissenschaftlich nicht belegt.

Frust spricht auch aus der Stellungnahme des pensionierten Oberstaatsanwalts Dr. Harald Hans Körner, der auf 40 Jahre Erfahrung mit Drogendelikten zurückblicken kann. "Bei der Justiz musste ich im Berufsalltag erkennen, dass das Strafrecht das falsche Werkzeug zur Lösung des Drogenmissbrauchs ist", schreibt er in seiner Stellungnahme für den Bundestag.

Regelungen stigmatisieren

Die Bestimmungen "diffamierten, isolierten, stigmatisierten und kriminalisierten" einen Großteil der drogenkonsumierenden Jugendlichen. Körner verweist darauf, dass das Strafrecht die ultima ratio staatlichen Handelns sein sollte.

Es gibt auch die Gegenpositionen. Es sei verfehlt, Drogenpolitik mit Verbotspolitik gleichzusetzen, argumentiert der Oberstaatsanwalt Jörn Patzak. Das Betäubungsmittelrecht verfolge nicht nur repressive Zwecke, sondern ziele auch auf die Generalprävention ab.

Im Gesetz fänden sich therapeutische und schadensmindernde Ansätze wie zum Beispiel Therapieangebote statt Strafe und Drogenkonsumräume.

Nach Ansicht der Bundesregierung wirken sich Verbot und Strafandrohungen wie auch die Regelungen im Betäubungsmittelrecht "nicht nachteilig auf den Bereich der therapeutischen Versorgung aus", heißt es in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Linken im Bundestag. (af)

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

An der Spitze des Gemeinsamen Bundesausschusses

G-BA-Vorsitzende Sonja Optendrenk sieht sich als Streiterin der Selbstverwaltung

Ausschuss-Anhörung

Durcheinander 2.0 beim Projekt Notfallversorgung: Wer hat den Hut auf?

Das könnte Sie auch interessieren
Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

© libre de droit | iStock

Update MS

Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

© Yozayo | iStock

Intrathekale Entzündung

Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Ein erreichbares Ziel bei MS?

© Merck KGaA

Therapiefreie Remission

Ein erreichbares Ziel bei MS?

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema

Opioid-induzierte Obstipation

Paradigmenwechsel in der Behandlung: Vom Stuhl zum Nervensystem

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Grünenthal GmbH, Aachen
Abb. 1: Verlauf des Rett-Syndroms

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Rett-Syndrom

Diagnose und Verlauf einer herausfordernden Erkrankung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Acadia Pharmaceuticals (Germany) GmbH, München
Abb. 1: Folgen einer Fehldiagnose bei Menschen mit einer Seltenen Erkrankung (SE), die angaben, dass ihre SE oder die SE einer von ihnen betreuten Person mindestens einmal falsch diagnostiziert wurde (n=4.756)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Neuromyelitis-Optica-Spektrum-Erkrankungen

Weshalb das rechtzeitige Erkennen und Behandeln wichtig ist

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alexion Pharma Germany GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Neurodivergenz

ADHS in der Hausarztpraxis: Hinweise für die Diagnostik

Intoxikationen

Pilzvergiftungen: Was ist für Hausärzte relevant?

Lesetipps
Smartphones mit Gemini und Chat-GBT

© Lorenzo Di Cola | NurPhoto / picture alliance

Künstliche Intelligenz

Warum die KI eine Hausärztin fälschlicherweise für tot erklärte

Eine ältere Frau stützt ihr Gesicht mit ihren Händen ab.

© Alexey Klementiev / photos.com

Risikofaktoren im Blick

So spüren Sie eine Post-Stroke-Depression auf

Modell eines Menschen mit Kopfschmerzen.

© Ezar / stock.adobe.com / Generated with AI

Viral bedingte Hirnentzündung

Virologe: „Das Bornavirus ist unser neues Tollwutvirus“