Notaufnahmen

Plötzlich bleibt die Hälfte der Neurologie-Patienten aus

Das Robert Koch-Institut hat Daten aus zehn Notaufnahmen ausgewertet. Die Zahlen bestätigen Berichte, dass ab Mitte März Patienten auch mit kardiovaskulären und neurologischen Problemen den Gang in die Klinik gemieden haben.

Von Florian Staeck Veröffentlicht: 29.06.2020, 14:32 Uhr
Plötzlich bleibt die Hälfte der Neurologie-Patienten aus

Notaufnahmen melden seit Beginn der Corona-Pandemie stark sinkende Patientenzahlen. Ein RKI-Report, der Daten aus zehn Notaufnahmen auswertet, bestätigt dieses Bild.

© Andreas Arnold / dpa / picture alliance

Berlin. Die Corona-Pandemie im Spiegel der Notaufnahmen: Das Robert Koch-Institut hat über ein neues Datentool die Beanspruchung von Notaufnahmen während der vergangenen Monate ausgewertet.

Das SUMO (System für die Datenverarbeitung und -auswertung) genannte Werkzeug ermöglicht die digitale Verarbeitung von Routinedaten in Echtzeit, so das RKI. Eingeflossen in die Analyse sind Daten aus zehn Notaufnahmen in Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen, Sachsen und Schleswig-Holstein. Die Notaufnahmen verzeichneten im Mittelwert des Vorjahres 32 bis 256 Patientenkontakte pro Tag.

Mit Beginn des Lockdowns bricht Patientenzahl ein

Der kürzlich veröffentlichte erste SITREP – Notaufnahme-Situationsreport – lässt ab Mitte März einen starken Einbruch der Vorstellungen von Patienten um bis zu 40 Prozent erkennen. Dies fällt zusammen mit dem Start des umfassenden Lockdowns in Deutschland. Von 6632 Neu-Vorstellungen in Notaufnahmen in der 10. Kalenderwoche (2. bis 8. März) fällt der Wert auf 3969 in der 13. Kalenderwoche (23. bis 29. März).

Berücksichtigt in SUMO sind auch Daten zur Ersteinschätzung der Patienten, die nach dem Emergency Severity Index (ESI) oder nach dem Manchester-Triage-System (MTS) vorgenommen wurden. Demnach hat sich die Zahl der Patienten mit der höchsten Dringlichkeitsstufe (sofort) im März wenig verändert.

Dagegen nimmt im Vergleich der 11. mit der 13. Kalenderwoche die Patientenzahl mit der zweithöchsten Stufe (sehr dringend) von rund 140 auf etwa 90 Patienten ab. Am stärksten fällt der Rückgang bei Patienten aus, die in der Ersteinschätzung mit der zweitniedrigsten Stufe „normal“ klassifiziert wurden. Hier halbiert sich im gleichen Zeitraum die Patientenzahl von rund 400 auf 200.

Unterschiede je nach Vorstellungsgrund

Bei der Unterscheidung der Gründe für die Vorstellung der Patienten werden kardiovaskuläre, neurologische und respiratorische Motive unterschieden. Die Zahl der Patienten mit Herzkreislauf-Problemen sinkt ab Anfang März ausgehend von über 120 zunächst kontinuierlich. Ab etwa 8. März bricht die Fallzahl dann regelrecht ein und erreicht in der ersten Aprilwoche mit rund 50 Patienten ihren Tiefstwert. Anders bei Patienten mit neurologischen Problemen: Hier bricht erst ab Mitte März die Zahl schlagartig von rund 130 auf 70 ein.

Wieder anders stellt sich der Verlauf bei Patienten mit respiratorischen Problemen dar. Stellten sich Anfang März noch rund 60 Patienten in den Notaufnahmen vor, so ist diese Zahl auf rund 30 gesunken und hat sich bis Mitte Juni auch nicht mehr signifikant erhöht.

Über alle Indikationen und Altersgruppen hinweg liegt die Zahl der Patienten, die bis Mitte Juni Notaufnahmen aufgesucht haben, noch immer rund zehn Prozent unter den Durchschnittswerten für den Zeitraum November 2019 bis März 2020.

Die Veränderungen der Inanspruchnahme können allerdings nicht nur durch das Krankheitsgeschehen, sondern auch durch strukturelle Änderungen – wie der Eröffnung von Corona-Ambulanzen innerhalb oder außerhalb der Notaufnahmen – beeinflusst worden sein, heißt es im Report.

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