Krankenkassen

Priorisierungs-Debatte "wird unterdrückt"

Jeder Politiker hört "Rationierung", wenn tatsächlich von "Priorisierung" die Rede ist. Der Sozialmediziner Heiner Raspe wendet sich gegen die Tabuisierung der Debatte.

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Priorisierung ist Aufgabe für "Profis" im Gesundheitswesen: Professor Heiner Raspe.

Priorisierung ist Aufgabe für "Profis" im Gesundheitswesen: Professor Heiner Raspe.

© Michael Zapf

MÜNCHEN. (sto) Die Diskussion um die Priorisierung medizinischer Leistungen wird in Deutschland nach Ansicht von Professor Heiner Raspe von der Universität zu Lübeck bisher "aktiv unterdrückt". Dennoch, so Raspe, sei die Debatte unvermeidlich.

Die Gesundheitspolitiker seien bislang nicht bereit, die Diskussion über Priorisierung zu führen, kritisierte Raspe.

Das größte Problem dabei sei, dass jeder "Rationierung" hört, wenn von "Priorisierung" gesprochen wird, erklärte der Lübecker Sozialmediziner bei einem Symposium der Bayerischen Landesärztekammer (BLÄK).

Priorisierung stelle eine "gedankliche Klärung" über Vor- und Nachrangigkeiten in der medizinischen Vorsorgung dar und führe im Ergebnis zu mehrstufigen Rangreihen.

Priorisierung: Aufgabe der "Profis im Gesundheitswesen"

Demgegenüber sei Rationierung das systematische tatsächliche Vorenthalten medizinisch indizierter Leistungen aus Knappheitsgründen mit dem Ziel einer gerechten Zuteilung unter Berücksichtigung unterschiedlicher Bedarfe, definierte Raspe.

Schon allein aus diesem Grund sollte die Priorisierung medizinischer Leistungen eine Aufgabe der "Profis im Gesundheitswesen" sein, forderte Raspe.

In Schweden, wo das Thema schon lange auf der Tagesordnung steht, werde die Diskussion von den medizinischen Experten bestimmt, während die Gesundheitsökonomie nur eine geringe Rolle spiele.

Die Umsetzung erfolge über Leitlinien, die als Orientierungshilfe verstanden werden, berichtete Raspe. Das "therapeutische Privileg" der Ärzte in Schweden sei auch unter fixen Budgets gewahrt.

Versorgungsniveau halten

"Es sollte uns klar sein, dass die Reihenfolge ‚Rationalisierung - Priorisierung - Rationierung‘ heißt", erklärte Dr. Heidemarie Lux, Vizepräsidentin der BLÄK. Patienten und Ärzte befürchteten, dass Priorisierung eine Entwicklung in Richtung Mehrklassenmedizin verstärken könnte.

Eine Daueraufgabe für die nächsten Jahre werde es deshalb sein, durch Rationalisierung das Versorgungsniveau trotz finanzieller Engpässe zu halten. Zumal der rasante medizinische Fortschritt und der demografische Wandel die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen vergrößern und die monetäre Problematik verschärfen werde, sagte Lux.

Der Patient mache seit Jahren die Erfahrung, dass bestimmte Leistungen nicht mehr von den Kassen übernommen werden, erklärte der Münchner Hausarzt Dr. Gabriel Schmidt. Die Begründung der Streichungen werde den Ärzten überlassen, die dafür aber gar nicht zuständig seien.

Patienten in Rationalisierungsprozesse einbinden

So entstehe beim Patienten immer wieder der Eindruck, dass bei ihm gespart werde. Auf diese Weise gehe das Vertrauen in das Gesundheitswesen verloren. Dem könne nur begegnet werden, wenn die Patienten von Anfang an mehr in Rationalisierungsprozesse eingebunden werden, meinte Schmidt.

Priorisierung sei keine Einbahnstraße in Richtung Rationierung, betonte der Medizinhistoriker Professor Georg Marckmann von der Universität München. Prioritäten könnten auch zu einem gezielten Ausbau der Versorgung und damit zu einer besseren Versorgungsqualität führen.

Angesichts der Finanzierungsprobleme im Gesundheitswesen müsse ohnehin darüber nachgedacht werden, wie eine qualitativ hochwertige Versorgung erhalten werden kann. Eine Debatte um Priorisierung könne Voraussetzung für den medizinisch rationalen, ethisch vertretbaren und ökonomisch sinnvollen Einsatz begrenzter Ressourcen schaffen, meinte Marckmann.

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