Palliativversorgung

Problem Stigma

Es gibt keine Diskussion über den Umgang mit Todkranken, in der nicht gefordert würde, die Palliativversorgung auszubauen. Doch die Palliativmedizin tut sich noch immer schwer. Einen der Gründe dafür haben kanadische Forscher ausgemacht.

Dr. Robert BublakVon Dr. Robert Bublak Veröffentlicht:

TORONTO. Die deutsche S3-Leitlinie "Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung" empfiehlt, allen Patienten solle "nach der Diagnose einer nicht heilbaren Krebserkrankung Palliativversorgung angeboten werden, unabhängig davon, ob eine tumorspezifische Therapie durchgeführt wird".

Nach der Diagnose - also möglichst früh im Verlauf einer Krankheit mit infauster Prognose und unabhängig davon, ob noch eine Therapie stattfindet.

In der Praxis sieht das oft anders aus. Solange noch versucht wird, die Progression des Leidens mit krankheitsmodifizierenden Maßnahmen zu beeinflussen, kommt die Palliativversorgung häufig nicht zum Zuge. Falls überhaupt, werden die Patienten oft erst spät in die Hände von Palliativmedizinern übergeben.

Ein Grund für dieses zögerliche Vorgehen könnten negative Assoziationen sein, die sich mit dem Begriff Palliativmedizin verbinden. Jedenfalls lassen dies die Ergebnisse einer Studie vermuten, die eine Arbeitsgruppe um Camilla Zimmermann von der Universität Toronto vorgelegt hat (CMAJ 2016, online 18. April).

Vermeidungsverhalten hervorgerufen

Die Wissenschaftler befragten zwei Gruppen von Patienten, von denen die erste (Kontrollgruppe, 22 Patienten) eine onkologische Standardversorgung erhielt und die zweite (Interventionsgruppe, 26 Patienten) eine palliative Versorgung, die spätestens einen Monat nach Aufnahme in die Studie begann.

Interviewt wurden auch neun bzw. 14 Betreuer von Patienten der Kontroll- bzw. der Interventionsgruppe.

Anfangs der Untersuchung verbanden die Patienten und Betreuer in beiden Studienarmen die Palliativversorgung mit Tod, Hoffnungslosigkeit, Abhängigkeit und einer stationären, tröstenden Pflege am Ende des Lebens.

Das rief Ängste und ein Vermeidungsverhalten hervor. Zimmermann und Kollegen interessierte die Frage, ob etwaige positive Erfahrungen mit der palliativen Versorgung diese Einstellungen änderten.

Palliativversorgung wird als Pflege am Ende des Lebens aufgefasst

Eine zweite Befragung vier Monate später ergab, dass die Angehörigen der Interventionsgruppe nun tatsächlich einen etwas anderen Blick auf die Palliation hatten und sie als eine anhaltende Versorgung ansahen, die die Lebensqualität verbesserte und keineswegs nur die letzten Tage betraf.

Dennoch empfanden sie den Begriff der Palliativversorgung nach wie vor als Stigma. Sie betonten, es sei nötig, das Konzept besser zu erklären und auf einen anderen Namen zu taufen. Dagegen sahen die Teilnehmer der Kontrollgruppe in einer Änderung der Benennung keinen rechten Sinn.

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Palliativversorgung weiterhin als Pflege am Ende des Lebens aufgefasst wird", so Zimmermann und ihre Mitarbeiter im Resümee ihrer Studie.

Man könne sich zwar überlegen, die Bezeichnung zu ändern. Das würde jedoch nichts bewirken, solange sich nicht auch die Art veränderte, in der Palliativmedizin praktiziert und kommuniziert werde.

Weiter schreiben die Forscher: "Ärzte sollten sich darüber im Klaren sein, dass die Form, in der sie Informationen über die Palliativversorgung vermitteln, deren Wahrnehmung beeinflusse - und auch die Entscheidung darüber, solche Pflege anzunehmen."

Mehr zum Thema

Gastbeitrag

Suizidhilfe braucht Menschlichkeit

Das könnte Sie auch interessieren
Probeentnahme für einen Corona-Test: In den USA sind im ersten Jahr der Coronaimpfung knapp 14 Prozent der komplett geimpften Krebskranken an COVID erkrankt, aber nur 5 Prozent der geimpften Patienten ohne Krebs. (Symbolbild mit Fotomodellen)

© Pekic / Getty Images / iStock

Viele Durchbruchsinfektionen

COVID-19 bleibt auch für geimpfte Krebspatienten gefährlich

Notfall Thrombose – initial niedermolekulares Heparin

© LEO Pharma GmbH

DGA 2021

Notfall Thrombose – initial niedermolekulares Heparin

Anzeige | LEO Pharma GmbH
Schwangerschaftsassoziierte Thrombose: Warum NMH?

© LEO Pharma GmbH

DGA 2021

Schwangerschaftsassoziierte Thrombose: Warum NMH?

Anzeige | LEO Pharma GmbH
VTE-Inzidenz bei Krebs in den letzten 20 Jahren verdreifacht

© LEO Pharma GmbH

Publikation

VTE-Inzidenz bei Krebs in den letzten 20 Jahren verdreifacht

Anzeige | LEO Pharma GmbH
Kommentare
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden »Kostenlos registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Ein Kinderarzt untersucht ein Kind mittels Ultraschall. Die Pädiater warnen vor Leistungskürzungen, sollte die mit dem TSVG eingeführte Zusatzvergütung für mehr Termine wieder gestrichen werden.

© Christin Klose/dpa-tmn/picture alliance

Sanierung der Kassenfinanzen

Ärzte warnen vor Rücknahme der Neupatienten-Regelung im TSVG