Psychisch Kranke landen zu oft in der Warteschleife

Drei Monate warten psychisch kranke Menschen durchschnittlich auf ein Erstgespräch beim Psychotherapeuten. Für viele ist das eine Qual.

Von Sunna Gieseke Veröffentlicht:
Warteschleifenmusik statt Termin - psychisch Kranke suchen oft erfolglos nach einem Therapieplatz.

Warteschleifenmusik statt Termin - psychisch Kranke suchen oft erfolglos nach einem Therapieplatz.

© Bateman / fotolia.com

BERLIN. Die Suche nach Psychotherapeuten verläuft häufig vergeblich. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) unter mehr als 9000 niedergelassenen psychologischen Psychotherapeuten.

Demnach gibt es eine "erhebliche Unterversorgung" für psychisch kranke Menschen. Die durchschnittliche Wartezeit auf ein erstes Gespräch mit einem Psychotherapeuten beträgt der Umfrage zufolge im Durchschnitt drei Monate.

Dabei gibt es allerdings erhebliche regionale Schwankungen. In Ballungszentren wie Hamburg und Berlin warten Patienten etwa acht Wochen auf einen ersten Termin. In Brandenburg hingegen sind es durchschnittlich 19,4 Wochen.

Bis zum Beginn der genehmigungspflichtigen Behandlung vergehen nochmals fast drei Monate.

"Die Behandlung beginnt also im Schnitt erst knapp sechs Monate nach der Anfrage", sagte BPtK-Chef Professor Rainer Richter bei der Vorstellung der Umfrageergebnisse in Berlin. Ein psychisch kranker Mensch könne aber genauso wenig wie ein körperlich Kranker monatelang auf eine Behandlung warten, so Richter.

Dennoch habe er oft keine Chance, kurzfristig einen Psychotherapeuten zu finden. Die viel zu langen Wartezeiten schadeten den Patienten, denn die Erkrankungen könnten sich chronifizieren.

Die langen Wartezeiten werden von den Psychotherapeuten bereits seit Jahren kritisiert. Ihrer Ansicht nach sollte diese auf maximal drei Wochen reduziert werden. Allerdings lasse sich nicht genau beziffern, wie viele Psychotherapeuten zusätzlich notwendig seien, um den Bedarf tatsächlich abzudecken, so Richter.

Schließlich hänge das von regionalen Besonderheiten ab. Kassen hingegen bestreiten, dass es überhaupt eine Unterversorgung gibt. Sie sehen vor allem in Ballungszentren eher eine Überversorgung.

Diese Auffassung sieht die BPtK durch die Umfrageergebnisse widerlegt. Zudem sei der Bedarf an psychotherapeutischen Behandlungsplätzen in den vergangenen Jahren gestiegen - und steige weiter, so Richter. Doch durch das von der schwarz-gelben Koalition geplante Versorgungsgesetz drohe jetzt ein Abbau von etwa 6000 der insgesamt 21.000 psychotherapeutische Praxissitze.

Die Kassenärztliche Vereinigungen erhielten künftig die Möglichkeit, Praxissitze in überversorgten Gebieten aufzukaufen, betonte BPtK-Geschäftsführerin Christina Tophoven. "Das wäre eine massive Verschlechterung der ohnehin schlechten Versorgung", betonte sie.

Der GKV-Spitzenverband stellt die Umfrageergebnisse infrage. Es sei "zweifelhaft", ob mithilfe einer Befragung von Psychotherapeuten der tatsächliche Versorgungsbedarf beziffert werden könne.

Daher bleibe es dabei: "Insgesamt haben wir in Deutschland nicht zu wenige Psychotherapeuten, sie sind nur schlecht verteilt", sagte Verbands-Sprecherin Ann Marini.

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