Kommentar

Rückkehr in den neuen alten Alltag

Bund und Länder einigen sich auf weitere Lockerungen der Corona-Beschränkungen. Ärzte dürften aufatmen. Die Praxen können zur Normalität der Regelversorgung zurückkehren.

Thomas HommelVon Thomas Hommel Veröffentlicht:

Nach knapp sieben Wochen „Lockdown“ soll das öffentliche und wirtschaftliche Leben in Deutschland wieder langsam hochgefahren werden. Der Druck, das zu tun, hatte zuletzt stark zugenommen. Warnungen, der „Lockdown“ könne am Ende schwerwiegendere Folgen haben als das Virus, wurden von Tag zu Tag lauter. Auch die aus der Ärzteschaft.

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. Andreas Gassen, wies schon vor Wochen auf die „Kollateralschäden“ von COVID-19 hin: Chronisch kranke Patienten mieden aus Angst vor Ansteckung die Praxen, obwohl sie ärztlicher Fürsorge bedürften. Vorsorge, Früherkennung und Verlaufskontrollen blieben ungenutzt – mit womöglich tödlicher Konsequenz. Vom Eintritt in den „neuen Alltag“ dürften sich die Ärzte daher vor allem die Rückkehr in die alte Normalität der Regelversorgung erhoffen.

Hoffen, dass der Schutzschirm wirkt

Freilich auch aus anderen als nur altruistischen Gründen: Rückläufige Patientenzahlen – und davon berichtet das Gros der Praxisinhaber – bedeuten eben auch sinkende Praxisumsätze. Ob der Schutzschirm der Politik alle Praxen über die Krise rettet, steht erst nach der Spitzabrechnung fest. Der Wunsch nach Normalität trotz Corona – wer könnte ihn Ärzten und MFA verdenken.

Kassen und Beitragszahlern dürfte zum Jahresende eine dicke Rechnung ins Haus flattern. Rettungsschirm, Schutzausrüstung und Mindereinnahmen summieren sich auf Milliardenbelastungen. Kein Wunder, dass AOK, TK, Barmer & Co. kommenden Montag bei Gesundheitsminister Jens Spahn auf der Matte stehen und finanzielle Abhilfe einfordern. Auch für die Kassen geht es in Corona-Zeiten um die Existenz.

Es ist längst nicht alles vorbei

Ist es all das wert gewesen? Wer die Frage verneint, verkennt, dass es eine vergleichbare Situation wie die der Corona-Pandemie zuvor nicht gegeben hat. Nachwirken sollten etwa die Bilder aus Italien, wo die Pandemie das Gesundheitssystem – vor allem die Intensivstationen – binnen kurzer Zeit zum Kollabieren brachte. Deutschland blieb Vergleichbares erspart – auch weil es rechtzeitig in den Ausnahmezustand getreten ist.

War es das mit dem „Lockdown“? Nein. Steigt die Zahl der Corona-Infektionen erneut schnell, könnte es wieder zum Stillstand kommen – wenn auch regional begrenzt. Das ergibt Sinn. Eine Lehre der vergangenen Wochen ist: Das Infektionsgeschehen ist regional unterschiedlich. Regional unterschiedlich sollten auch die Konsequenzen ausfallen.

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