Pflege

Schmerz und Demenz - eine gigantische Herausforderung

Demenzpatienten sind oft unfähig, ihre Schmerzen zu beschreiben. Darunter leiden auch die pflegenden Angehörigen. Eine komplizierte Herausforderung - und das nicht nur für Ärzte.

Von Christoph FuhrChristoph Fuhr Veröffentlicht:
Pflegekraft kümmert sich um eine Demenzpatientin. Wie artikuliert sie sich bei Schmerz?

Pflegekraft kümmert sich um eine Demenzpatientin. Wie artikuliert sie sich bei Schmerz?

© Grubitzsch / dpa

STUTTGART. Sie haben starke Schmerzen, können sie aber nicht benennen, geschweige denn lokalisieren - und sie bekommen keine Hilfe. Der Begriff "Schmerz", mit dem sie im frühen Stadium ihrer Erkrankung durchaus etwas anfangen konnten, hat für Demenzpatienten im fortgeschrittenen Stadium oft jegliche Bedeutung verloren. Und doch reagieren sie auf Schmerz, zum Beispiel mit Appetit-, Schlaf-, oder Ruhelosigkeit.

Sylvia Kern, seit vielen Jahren Geschäftsführerin der Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg, ist mit dem Alltag dieser Patienten gut vertraut. Bei einem vom Unternehmen Mundipharma unterstützen Symposium zum Thema "Demenz - Pflege - Schmerz" in Stuttgart erinnerte sie sich an Zeiten, in denen das Problem nicht einmal erkannt worden war.

"Vor vielen Jahren haben wir geglaubt, dass es bei Demenz keine chronischen Schmerzen gibt. Heute wissen wir, dass diese Einschätzung falsch war", sagte sie: "Diese Patienten haben im Vergleich zu gleichaltrigen Menschen ohne das Krankheitsbild Demenz mindestens genau so viele Schmerzen - eher sogar mehr, weil viele ihrer Krankheiten gar nicht erst erkannt werden."

Eine Skala soll helfen

Eine gute Einschätzung, ob diese Patienten Schmerzen haben oder nicht, ist durch eine strukturierte Beobachtung mit Hilfe von Fremdbeurteilungsskalen möglich, hieß es in Stuttgart. Dazu gehört etwa die BESD-Skala der Deutschen Schmerzgesellschaft. BESD steht für "Beurteilung von Schmerzen bei Demenz".

Mit der Skala lassen sich mehrere Verhaltensäußerungen bei einem Patienten dokumentieren: Atmung, negative Lautäußerungen, die Körperhaltung, die Mimik und die Reaktion des Betreffenden auf Trost.

Die meisten Demenzpatienten werden zu Hause von ihren Angehörigen betreut, und genau deshalb hat ihre Unterstützung eine zentrale Bedeutung. . Die Bundestagsabgeordnete Karin Maag (CDU) wies bei der Veranstaltung in diesem Zusammenhang auf das Zweite Pflegestärkungsgesetz hin, das schon bald im Bundestag verabschiedet werden soll.

Es wird die Bedürfnisse von Menschen mit kognitiven Einschränkungen besser als bisher berücksichtigen - eine Maßnahme, von der auch die Angehörigen profitieren können.

Hilfe für Pflegende gibt es inzwischen auf vielen Ebenen: "Wir vermitteln Grundregeln des Zusammenlebens von Patienten und Angehörigen, coachen, um besser mit dieser schwierigen Situation umzugehen", erläuterte etwa Cornelia Kittlink vom Unternehmen Anycare, das mit vielen Kassen kooperiert und Gesundheitsdienstleistungen anbietet.

"Angehörige sind Co-Patienten"

"Die meisten pflegenden Angehörigen sind im Grunde genommen Co-Patienten. Sie leiden, sind überfordert, kommen mit der Situation nicht klar", beklagte Alzheimer-Expertin Kern.

Auch die AOK Baden-Württemberg sieht Handlungsbedarf. Sie bietet Kuren für pflegende Angehörige und setzt dabei auf eine Bündelung von medizinischen, therapeutischen, präventiven und psychisch entlastenden Maßnahmen.

Insgesamt waren bei dieser Kasse im vergangenen Jahr 90.600 Versicherte wegen Demenz in ambulanter oder stationärer Behandlung, 65 Prozent waren Frauen. Das entspricht 2,8 Prozent aller Versicherten, erläuterte Dr. Holger Pressel, Leiter Politik bei der AOK.

Nur 10 937 Versicherte (0,27 Prozent) wurden sowohl wegen Demenz als auch wegen chronischer Schmerzen medizinisch versorgt. Etwa 47 Prozent der Demenzkranken hatten 2014 mindestens ein Schmerzmittel erhalten.

Dr. Gerhard Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin, wies auf die besondere Bedeutung der Selbsthilfearbeit auch bei Demenzpatienten hin, die oft unterschätzt werde: "Es lohnt sich Selbsthilfegruppen zu unterstützen, denn sie kennen sich am besten aus", sagte er.

Zweifel äußerte Müller-Schwefe allerdings mit Blick auf die Fähigkeit mancher Ärzte, diesen Patienten auch geeignete Medikamente zu verordnen. "Ich will keine Kollegenschelte betreiben", sagte er, "aber hier gibt es Defizite."

Eine beim Stuttgarter Symposium zitierte Studie aus Frankreich hat gezeigt, dass demenzkranke Bewohner in Pflegeheimen signifikant weniger Analgetika erhielten (42,3 Prozent), als Senioren ohne Demenz (52 Prozent). An Arzneien zur Behandlung psychischer Erkrankungen wurde bei den Demenzkranken keinesfalls gespart. Inwieweit diese Ergebnisse tatsächlich auch auf Deutschland übertragbar sind, blieb allerdings offen.

Neue Behandlungsleitfäden

Die KV Baden Württemberg will Ärzten bei Arzneiverordnungen für Demenzpatienten und Menschen mit nicht tumorbedingten Schmerzen mehr Sicherheit bieten. Dr. Michael Viapiano, bei der KV für Qualitätssicherung und Versorgungsmanagement zuständig, stellte Behandlungsleitfäden in Form von Stufentherapieschemata zu beiden Krankheitsbildern vor.

Die Grundlage: evidenzbasierte wissenschaftliche Qualität. Sie werden von der KV bald online gestellt, damit Ärzte besser als bisher wirtschaftlich verordnen können.

In Stuttgart wurde deutlich, dass auf unterschiedlichen Wegen intensiv versucht wird, den besonderen Herausforderungen beim Thema Schmerz und Demenz gerecht zu werden.

Die Zahl der Demenzpatienten in Deutschland wird steigen, immer mehr pflegende Angehörige werden belastet - eine Herausforderung, der sich auch verantwortliche Politiker stellen müssen.

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