Prävention

Schnelltests könnten HIV-Inzidenz reduzieren

Es braucht mehr niedrigschwellige Angebote, um die Zahl der HIV-Neuinfektionen zu reduzieren, mahnen Experten. Über Schnelltests und digitale Angebote ließen sich vor allem junge Menschen besser erreichen.

Von Ilse Schlingensiepen Veröffentlicht: 16.09.2020, 17:20 Uhr
Ein bei der Berliner Aids-Hilfe eingesetzter Schnelltest: Zwei Streifen bedeuten eine HIV-Infektion.

Ein bei der Berliner Aids-Hilfe eingesetzter Schnelltest: Zwei Streifen bedeuten eine HIV-Infektion.

© Britta Pedersen / dpa

Köln. Maßnahmen wie der verstärkte Einsatz digitaler Beratungs- und Unterstützungsangebote, der Ausbau der Präexpositionsprophylaxe und der Wegfall des Arztvorbehalts bei Schnelltests auf HIV können dazu beitragen, die Zahl der Neuinfektionen mit HIV weiter zu senken.

Solche niederschwelligen Angebote sind notwendig, um möglichst viele Menschen in das qualitativ hochwertige Versorgungssystem zu bringen. Davon zeigt sich Dr. Axel Baumgarten überzeugt, Vorstandsmitglied der Deutschen Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter (dagnä).

„Wir können die Menschen zu Hause lassen, aber wir müssen sie anbinden“, skizzierte er die Herausforderungen bei einem Symposium des Pharmaunternehmens Gilead im Rahmen des 30. dagnä-Workshops in Köln. Die Testung müsse nicht in ärztlicher Hand bleiben. „Aber die Versorgung muss es bleiben“, stellte er klar.

Henke: „Die Diagnose bleibt dem Arzt vorbehalten“

Seit dem 1. März ist mit dem Masernschutzgesetz eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes in Kraft getreten, nach der Schnelltests auf HIV, Hepatitis C und Syphilis vom Arztvorbehalt ausgenommen sind.

„Das Ziel ist es, die Arbeit von Beratungs- und Testeinrichtungen für besonders gefährdete Menschen zu erleichtern“, erläuterte der CDU-Bundestagsabgeordnete und Präsident der Ärztekammer Nordrhein Rudolf Henke. „Die Diagnose bleibt dem Arzt vorbehalten“, betonte er. Henke zählt die Regelung zu einem Bündel von Maßnahmen, mit denen die Politik in den vergangenen Jahren für eine bessere Versorgung von HIV-Patienten gesorgt hat.

Im April 2016 hatte die Bundesregierung unter dem Namen „BIS 2030 – Bedarfsorientiert, Integriert, Sektorübergreifend“ eine Strategie beschlossen, mit der bis zum Jahr 2030 die Verbreitung von HIV, Hepatitis B und C sowie anderer sexuell übertragbarer Krankheiten eingedämmt und gleichzeitig die Versorgung der Patienten verbessert werden soll.

Damit hatte sie sich den Zielen der Weltgesundheitsorganisation und den UNAIDS-Zielen verpflichtet. „Wir empfinden die Strategie immer noch als wegweisende Neuausrichtung, weil man sich entschieden hat, sexuell übertragbare Krankheiten zusammen zu betrachten“, sagte Henke.

Coronatest als Türöffner fürs Gespräch über den HIV-Test?

Er geht davon aus, dass die Strategie beeinflusst wird von der Entwicklung bei der Testung auf SARS-CoV-2. Henke verwies auf Schnelltests und Selbsttests. „Aus ärztlicher Hand werden wir nicht alles regeln können.“

Um noch höhere Quoten bei der Diagnose von HIV-Infektionen zu erreichen, wäre es eine Möglichkeit, Patienten bei einem Coronatest zu fragen, ob sie sich nicht auch auf HIV oder HCV testen lassen wollen. Die Frage sei allerdings, ob sich das in den Praxen organisieren lasse, räumte Henke ein. „Das kann die Politik nicht verordnen.“

Ein solches Massenscreening wäre nicht umsetzbar, sagte Armin Schafberger, Referent für Medizin und Gesundheitspolitik bei der Deutschen Aidshilfe. „Menschen ohne großes Risiko müsste man umfänglich aufklären.“ Juristisch sei eine solche umfangreiche Testung nicht haltbar, betonte er.

Die Finanzierungsfrage

Schafberger setzt auf innovative Modelle, um mehr Menschen mit den Präventions- und Versorgungsangeboten zu erreichen. Gerade die Digitalisierung eröffne hier viele Möglichkeiten. „Aber das Gesundheitswesen ist für die Finanzierung solcher Angebote nicht aufgestellt.“

Die Deutsche Aidshilfe macht gute Erfahrungen mit Selbsttests auf HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten. Bei dem Projekt „s.a.m. health“ können Interessierte nach einer Beratung einen Selbsttest bestellen. Sie schicken die Proben an ein Labor und erhalten dann innerhalb weniger Tage ein Ergebnis – per SMS, wenn der Test negativ ist, sonst über einen Anruf. „So erreichen wir junge Menschen, die digital aufgestellt sind, das läuft über das Handy“, sagte Schafberger.

Gerade angesichts des Ärztemangels lässt sich auch seiner Meinung nach eine umfangreiche Testung nicht allein mit Ärzten sicherstellen. Deshalb sei der Verzicht auf den Arztvorbehalt ein wichtiger Schritt. Die Deutsche Aidshilfe schult jetzt Mitarbeiter, die diese Aufgabe übernehmen werden. „Das wird die Situation in den Testeinrichtungen gerade im Digitalbereich in Zukunft nachhaltig verändern“, erwartet Schafberger.

Neue Testansätze schneller in die Versorgung bringen

Auch Christian Thams, Senior Director Government Affairs bei Gilead, sieht bei der HIV-Testung in Deutschland noch Luft nach oben. „Wir sollten neue Ansätze, die funktionieren, in die Versorgung bringen“, sagte er. Das gelte auch für die Digitalisierung.

Thams hofft, dass die Aufmerksamkeit nicht nachlässt, die durch die Corona-Pandemie auf Versorgungsprobleme gerichtet wurde. Die Investitionen in den Öffentlichen Gesundheitsdienst und die Strategie „testen, identifizieren und behandeln“ nannte er als Beispiele. „Wir sollten den Schwung auf HIV und Hepatitis übertragen.“

Die Pandemie habe die Schwachstellen im System und damit den Handlungsbedarf aufgezeigt. Ein Beispiel ist für ihn die Digitalisierung. „Da liegt noch deutlich mehr Potenzial.“

Gerade zu Beginn hat die Pandemie Fragen auch in den HIV-Schwerpunktpraxen zu Unsicherheiten und offenen Fragen geführt, berichtete dagnä-Vorstand Baumgarten. „Aber die Phase der Erschütterung war sehr kurz.“ Die Ärzte hätten etwa bei Arzneimitteln und der Substitution mit großem Engagement nach Wegen gesucht, die Versorgung der HIV-Positiven sicherzustellen, betonte er. „Es gibt ein besonderes Band zwischen Patienten und Behandlern.“

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