Arztpersonal

Schweiz bleibt auf Fachärzte aus dem Ausland angewiesen

Die 2009 eingeführten Fallpauschalen haben der Versorgungsqualität in Schweizer Kliniken nicht geschadet. Kritik erntet Bern für die Zulassungsbeschränkung für Ärzte im ambulanten Sektor. Im stationären bilden Fachärzte aus dem Ausland eine wichtige Säule der Versorgung.

Von Matthias Wallenfels Veröffentlicht: 04.03.2019, 06:18 Uhr
Schweiz bleibt auf Fachärzte aus dem Ausland angewiesen

Ab in die Schweiz? Seit Jahren hat jeder zweite Arzt in der Schweiz, der aus dem Ausland kommt, seine Ausbildung in Deutschland absolviert.

© niyazz / Fotolia

NEUCHâTEL/BERN. Die Schweizer sind mit der Qualität ihrer Spitäler und Kliniken sehr zufrieden. 52 Prozent stufen sie als sehr gut und weitere 46 Prozent als eher gut ein. Das geht aus dem jüngst veröffentlichten, bevölkerungsrepräsentativen „Spital- und Klinikbarometer“ des eidgenössischen Krankenhausverbandes H+ hervor.

Wie aus der Erhebung weiter zu entnehmen ist, sprechen sich mit 66 Prozent zwei Drittel der Schweizer grundsätzlich für eine politische Steuerung der Kosten im Gesundheitswesen aus, 25 Prozent würden dies lieber dem Markt überlassen.

Dass eine staatliche Kostensteuerung die Qualität zumindest der stationären Versorgung nicht unbedingt negativ beeinträchtigen muss, legt das Monitoring der Qualitätsindikatoren zwischen 2009 und 2016 nahe, dessen jüngsten Ergebnisse nun vom Schweizerischen Gesundheitsobservatorium (Obsan) veröffentlicht wurden. Das Obsan unterstützt Bund, Kantone und weitere Institutionen im Schweizer Gesundheitswesen bei deren Planung, Entscheidungsfindung und in deren Handeln.

Fallpauschalen für kurze Aufenthalte

Zum Jahreswechsel 2009 trat die Revision des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (KVG) im Bereich der Spitalfinanzierung in Kraft. Umgesetzt wurden die Maßnahmen laut Obsan mehrheitlich seit dem 1. Januar 2012. „Die KVG-Revision Spitalfinanzierung schuf durch die Einführung von leistungsbezogenen Fallpauschalen Anreize, die Aufenthaltsdauer im Bereich der akutsomatischen stationären Versorgung kurz zu halten“, heißt es im betreffenden Obsan-Bulletin. Dementsprechend stelle sich die Frage, ob vermehrt Verlagerungen in Bereiche der Nachversorgung stattfinden.

Die Entwicklung der Fallzahlen der Patienten, die nach einer stationären akutsomatischen Behandlung in nachgelagerte Einrichtungen übertreten, falle in Abhängigkeit des Versorgungsbereichs unterschiedlich aus, so die Analyse. So sei der Anteil der Übertritte innerhalb von 30 Tagen von der Akutsomatik in die Psychiatrie mit rund einem Prozent aller Fälle im untersuchten Zeitraum relativ stabil geblieben. Der Anteil der Übertritte von der Akutsomatik in die Rehabilitation sei hingegen von 4,20 Prozent im Jahr 2009 auf 4,82 Prozent im Jahr 2016 gestiegen.

„Im Großen und Ganzen zeigen die Indikatoren eine stabile Qualität der stationären Versorgung. Eindeutige Hinweise auf eine Verschlechterung der Qualität in Spitälern und Kliniken finden sich kaum. Dies gilt sowohl für die Strukturqualität (stabile Betreuungsverhältnisse) als auch für die Ergebnisqualität (z. B. keine Zunahme der Mortalitätsraten und postoperativen Wundinfektionen)“, so das Fazit des Obsan.

Auf die personelle Ausstattung der Kliniken haben die Fallpauschalen offensichtlich auch keine negativen Auswirkungen gehabt. Im Gegenteil: Statt zu sparen, suchen die Schweizer Krankenhäuser noch immer händeringend nach ärztlichem Fachpersonal – ein Großteil davon wird im Ausland, darunter an führender Position Deutschland, angeworben.

Wie die Ärztestatistik des Schweizer Berufsverbands der Ärzte FMH für 2017 ausweist – neuere Zahlen liegen noch nicht vor – waren 2017 insgesamt 36.900 Ärzte in der Schweiz berufstätig – gegenüber 2016 ein Zuwachs um 725 Personen. Im Vergleich zum Vorjahr habe die Zunahme im ambulanten Sektor 2,1 Prozent und zwei Prozent im stationären betragen.

Zulassungsbeschränkung verlängert

Vor allem die kontinuierliche Steigerung im ambulanten Sektor ist seit mehr als einem Jahrzehnt ein großes Politikum bei den Eidgenossen. Es wird als die Wurzel allen Übels der ständig steigenden Gesundheitskosten verortet – der stationäre Sektor ist in der Diskussion außen vor.

Bis das neue Regulierungssystem steht, bleibt der Zulassungsstopp für Ärzte im ambulanten Sektor noch weitere zwei Jahre, das heißt bis Juni 2021, bestehen, wie der Bundesrat jüngst beschlossen hat.

Mit der Zulassungsbeschränkung trifft der Bundesrat allerdings nicht mehr ganz den Nerv der Zeit in der Alpenrepublik. Denn: Wie der Spital- und Klinik-Barometer des Krankenhausverbandes H+ zeigt, sind 54 Prozent – entgegen der Situation bei der Kostensteuerung im ambulanten Sektor – eher oder sehr gegen die staatliche Regulierungswut. Nur acht Prozent der Schweizer haben dazu offenbar keine eindeutige Meinung.

Die Schweiz verfolgt seit November 2016 mit dem 100 Millionen Franken schweren Sonderprogramm „Erhöhung der Anzahl Abschlüsse in Humanmedizin“ das Ziel, Abschlüsse in der Humanmedizin bis 2025 auf jährlich mindestens 1300 zu erhöhen, um ihre Abhängigkeit von im Ausland ausgebildeten Ärzten zu verringern.

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